Erst vor einiger Wochen brachte die Wochenzeitung DIE ZEIT einen Artikel, in welchem bedauert wurde, dass die Menschheit sich nicht mehr ins All traue – und überhaupt sei die Menschheit wenig revolutionär, seit die Mondlandung geglückt ist. Das war 1969.
Seitdem stehen eher die irdischen Probleme im Vordergrund. Hunger, Krieg, Vertreibung, sicher auch der Alltag. Die Sterne aber sind nach wie vor der Sehnsuchtshorizont vieler, stehen für Aufbruch, für etwas Neues und auch den Fortschritt. Ein Blick nach oben in kristallklarer Nacht und statt Antworten stellen sich Fragen über Fragen. Natürlich könnte man sich belesen, aber mit den Möglichkeiten eines Smartphones lässt sich der Himmel auf wesentlich spektakulärere Weise erkunden. Hier kommt Universe2go ins Spiel, ein Gerät samt App, das als VR-Headset in die unendlichen Weiten entführt. Dafür möchten die Macher ca. 100 Euro haben. Das ist nicht wenig, auch angesichts der kostenlosen Google Sky-App oder Wikipedia.
Robuster Ersteindruck, gutes Zubehör
Der qualitative Unterschied zwischen Gratis-App und Universe2go offenbart sich schon mit dem Öffnen der schicken Verpackung. Wo Google Cardboard und Co. einen allzu billigen Eindruck hinterlassen, überzeugt das VR-Headset der Universe2go-Macher mit einem exzellenten und robusten Design. Der Clou ist nicht Halterung per se. Anders als bei besagten Papp-Headsets lässt sich durch das Gerät blicken – das Smartphone wird in eine Halterung oberhalb des Sichtfelds eingelegt. Über einen Plexiglasspiegel, der im 45°-Winkel verbaut wird, projiziert das Smartphone dann die Inhalte über den Spiegel in das Sichtfeld. So schafft Universe2go ein echtes Augmented-Reality-Ereignis, das dem von Google Glass ähnlich ist.
- 1.) So sieht die Brille mit der Schutzabdeckung aus. Unspektakulär?
- 2.) Doch dahinter verbirgt sich ein raffiniertes System: Zwei Spiegel am Boden und eine im 45°-Winkel angebrachte Plexiglasescheibe erzeugen ein AR-Erlebnis, das die Konkurrenz deklassiert.
Der Brille liegen ein Halteband, ein variabler Schaumstoffeinsatz für das Smartphone, ein Aufbewahrungsbeutel und eine gedruckte, multilinguale Anleitung bei. Sie beantwortet alle Fragen zur Bedienung von Universe2go – alternativ wird die exzellente Kundenservice-Seite empfohlen.
Vorbereitung und Einrichtung
Die Inbetriebnahme gestaltet sich einfach. Zunächst wird die App Universe2go aus dem Play Store heruntergeladen (hier zu finden). Während das 343 MB große Paket heruntergeladen wird, wird die Brille oben geöffnet und aus dem Schaumstoffeinsatz so viele Teile entfernt, bis das Smartphone fest sitzend in die Aussparung passt – die Maße von 74 mal 147 mal 11 Millimetern darf das Telefon aber nicht überschreiten, eine Auflistung aller kompatiblen Geräte ist hier zu finden.
- 1.) Zunächst wird die Universe2go-App geladen. Die ist generell kostenlos, doch nur Besitzer der Brille kommen in den Genuss des Planetariums.
- Wird die App gestartet, werden einige
- 3.) Noch schnell einstellen, auf welchem Auge besser gesehen wird…
- 4.) … und den gewünschten Modus auswählen.
- 5.) Nun wird das Smartphone in die Halterung eingepasst und der Space-Trip kann beginnen.
- 6.) Ärgerlich: Einige Optionen lassen sich nur über ein Menü auswählen, das nur erreicht wird, wenn das Smartphone aus der Halterung genommen wird.
Ist das getan, wird die Anwendung gestartet. Einige Funktionstests (Gyroausrichtung) werden beim ersten Start durchgeführt, danach wird zwischen der Sternkarte und dem Planetarium gewählt. Die Sternkarte ist Universe2go in einer Lite-Fassung: Einige Sternenbilder und Infos zu besonderen Himmelskörpern werden eingeblendet, während das Smartphone umherschwenkt wird. Das ist ein netter Einblick in die Möglichkeiten der Anwendung, aber weit entfernt von dem, was sich mit dem Planetarium eröffnet – dieses wird mit dem beiliegenden Code freigeschaltet.
Das Planetarium als Kurzurlaub vom Alltag

Im Entdecker-Modus werden viele Informationen dargereicht – das Material reicht für viele Stunden. (Bild: Universe2go)
Zugegeben, die Einrichtung des Smartphones ist von einigen häufiger auftretenden Fehlern begleitet worden. So wurde eine Einstellung mal fix übernommen, obwohl die Kalibrierung noch nicht abgeschlossen war. Die Anwendung benötigt dabei nur zweierlei: Den Fixpunkt in der Ferne und den Augenabstand, die beide über sanfte Kippbewegungen des Smartphones samt Brille eingestellt werden, während das Gerät getragen wird. Schnell war die Fehlerquelle ausgemacht: Das Sony Xperia Z3, welches häufig zu Tests genutzt wird, bockte. Problemloser ging es da schon mit dem getesteten Gigaset ME, das über etwas präzisere Lage- und Neigungssensoren verfügt.
Ist diese Hürde genommen, geht die muntere Astro-Reise los. Zunächst lässt sich der Blick einfach gen Himmel richten und sich dort in den Sternen verlieren. Perfekt wird die Illusion dann, wenn ein sternenklarer Himmel vorhanden ist und sich in einer Umgebung ohne „Lichtverschmutzung“ befindet, also möglichst ländlich und abseits der Ballungszentren gelegen. Dann werden die Sterne in Universe2go perfekt auf das Himmelszelt gelegt. Verweilt der Blick auf einem Himmelskörper, werden Informationen wie die Größe und Entfernung eingeblendet.
Universe2go bietet noch weitere Beobachtungsmodi. Jederzeit lassen sich detaillierte Informationen abrufen, indem für ungefähr zwei Sekunden auf einem Objekt verweilt wird. Dann werden etwa die Größe und Entfernung eines Himmelskörpers eingeblendet – oder der umfangreiche Audioguide startet. Im angenehmen Tempo und mit hervorragender Betonung erklärt der Erzähler, was dort überhaupt zu sehen ist, führt wesentliche Merkmale zu einem Himmelskörper und dessen Hintergrundgeschichte aus. Besonders intensiv wird die Auseinandersetzung mit den Sternenbildern. In diesem Modus werden Zeichnungen eingeblendet, welche die wenigen Linien, aus denen die Sternenbilder zusammengesetzt wurden, ergänzen und auch dem Laien sichtbar machen, was anno dazumal die Menschen in den Sternen sahen, als sie in den Nachthimmel blickten.
Schnell zu weit entfernten Galaxien

Sternenbilder entdecken und erklären lassen? Fetzt! (Bild: Universe2go)
Erwähnung finden soll auch Deep-Sky- und 3D-Modus, in welche mittels einer Kopfneigung nach rechts in den Weltraum hinein gezoomt werden kann. Wird der Kopf nach links gekippt, wird wieder herausgezoomt. Die Immersion dessen ist absolut perfekt und erstaunlich. Mit einfachen Mitteln gelingt Universe2go woran selbst 3D-Dokumentationen über den Weltraum scheitern: Es entsteht das Gefühl, durch den Weltraum zu reisen und auf der Odyssee zig neue Planeten, Objekte und Galaxien zu entdecken. Der Umfang der App ist beeindruckend: 120.000 Sterne, speziell aufgearbeitete Bilder von Planeten, 150 Deep-Sky-Objekte, darunter Kometen und Satelliten. So schnell wird die Brille nicht beiseite gelegt.
Abzüge in der B-Note gibt es nur für einige Bedienelemente. Das Menü beispielsweise wird aufgerufen, indem der Blick kurz zu Boden gerichtet wird. Daraufhin blättert die Anwendung alle Beobachtungsmodi und die wesentlichen Einstellungen auf. Ein Menüpunkt wird durch Neigen des Kopfs fixiert, ein Kippen nach rechts führt ins nächste Untermenü oder bestätigt die Auswahl. Das funktioniert nicht immer reibungslos, außerdem können Optionen wie der Augenabstand oder der Fixpunkt hierüber nicht neu eingestellt werden. Für eine spätere Revision des Gerätes wäre ein Bedienelement mit echten Knöpfen wünschenswert, etwa in Form des etablierten Vier-Wege-Steuerkreuzes von Digitalkameras, um ohne Verrenkungen die Optionen und Menüs aufzurufen.
Fazit
Die Bedienung ist nicht immer einfach und die Kalibrierung anfangs fummelig. Sind diese Hürden genommen, offenbart sich, dass Universe2go jeden Cent wert ist. Der Trip am Sternenhimmel bereitet für viele Stunden Freude, insbesondere der Sternenbild-Modus und die Deep-Sky-Objekte werden den Atem verschlagen. „100 Euro sind aber viel zu teuer“, wird vielleicht gefragt? Nein, Universe2go bietet einen mehr als angemessenen Gegenwert, ein robustes AR-Headset und eine App, von der sich andere Anbieter gerne mal eine Scheibe abschneiden können. Es ist wünschenswert, dass dieses Gadget viele Käufer findet und die Macher dahinter andere Bereiche entstauben. Denkbar wären beispielsweise eine visualisierte Weltgeschichte für Geschichtsbegeisterte oder ein Trip ins Tierreich?
Den Machern von Universe2go wäre zuzutrauen, auch in Zukunft neue Wissensgebiete auf interessante Weise zu erschließen. Universe2go ist für 100 Euro im Fachhandel erhältlich – oder auf amazon.de.







