Hinsetzen, durchatmen, dem Hype nicht erliegen – es wurde bewusst mehr als zwei Wochen Zeit genommen, um die Eindrücke der Nintendo Switch zu verarbeiten. Eine Woche zwischen dem Presseevent und dem hier online gestellten Special, in der sich zeigte: Ein Hype wurde nicht mehr empfunden – dafür ungemeine Vorfreude.
Androids Segen, Androids Fluch
Hach, Android! Milliardenfach wird Googles Betriebssystem auf Mobilgeräten rund um den Globus ausgeliefert. Die App-Vielfalt ist sagenhaft, unter den Millionen Anwendungen ist dann leider auch viel Schrott dabei. Exemplarisch hierfür stehen die Spiele im Google Play Store. Ein Flappy Bird ist originell und lustig, auf die tausenden Klone kann dankend verzichtet werden. Ein N.O.V.A. funktioniert als Shooter, was aber nicht heißt, dass generische Railshooter en masse in den Speicher geladen werden sollten.
Klar, man könnte damit argumentieren, dass die meisten der Apps kostenlos sind oder nur einen kleinen Geldbetrag kosten. Das Hauptproblem bleibt dennoch: Es macht auf Dauer keinen Spaß, die meisten der genannten Android-Spiele zu zocken.
Genau hier setzen Spielehersteller wie Nintendo und deren Partner an. Der Spieleentwicklung gänzlich zugeneigt und mit Jahrzehnten an Erfahrung ausgestattet, sind deren Games qualitativ den Android-Spielen in den meisten Fällen überlegen. Ein Super Mario Bros. von 1985 würde noch heute jeden Gamer an den Bildschirm fesseln. Ein Pokémon würden auch nach Jahren motivieren, die kultigen Taschenmonster zu fangen und zu trainieren – nur so lässt sich der Erfolg von Pokémon GO des letzten Jahres erklären. Wie viele Android-Spiele sind bekannt, die wirklich Meilensteine waren? Es dürften einige wenige sein – und zwar jene, welche die Hardware zu nutzen wissen. Sprich: The Room als Puzzle-Trilogie, Lara Croft GO als Strategietitel im weitesten Sinne oder Lifeline, das euer Telefon zur letzten Kommunikationsschnittstelle eines gestrandeten Astronauten macht.
Die Software profitiert in genannten Beispielen von der Hardware, für die sie damals programmiert wurden. Und so sollte Nintendo Switch begriffen werden: Als Hardware-Plattform, die einzig und allein auf Spiele ausgelegt ist. Im Unterschied zur Konkurrenz von Microsoft oder Sony setzt Nintendo auf einen Gerätehybriden, der Gaming (wieder einmal) revolutionieren könnte.
Ein einzigartiges und geniales Konzept – und leicht angestaubte Hardware
Nintendos Philosophie hinter der Switch ist denn auch so genial wie einleuchtend: Erlebt großes Couch-Gaming auch unterwegs. Plagt euch nicht mehr mit gedowngradeten Spielen für Mobilplattformen rum; verzichtet nie wieder auf Epen wie Skyrim oder Zelda Breath of the Wild, nur weil gerade ein großer Fernseher fehlt. Nintendo Switch klingt wie das, was Sony anno 2011 mit der gescheiterten PlayStation Vita versprach – nur mit dem wesentlichen Unterschied, dass die Switch nicht einfach die nächste Plattform ist, sondern Dreh- und Angelpunkt des Nintendo-Kosmos für die nächsten fünf, sechs Jahre sein wird.
In der schnelllebigen Hightech-Branche sind solche Zeiträume eine Ewigkeit, weshalb die verbaute Technik schon heute eher dem Stand von gestern entspricht. Mutmaßlich (Nintendo nennt selbst keine Specs) wird die Switch von einem Vierkern-Prozessor mit maximal 2 GHz Takt angetrieben, unterstützt wird die Recheneinheit von einer Nvidia-Maxwell-GPU der zweiten Generation, die mit 1 GHz laufen kann – im stationären Modus. Wird Switch mobil genutzt, fällt der Takt auf bis zu 300 MHz ab. Vier Gigabyte Arbeitsspeicher und 32 GB Flashspeicher (erweiterbar via microSD-Karte mit bis zu zwei Terabyte), USB-Typ-C und Bluetooth runden die wesentlichen Spezifikationen ab.
- Switch kann auf viele Arten gespielt werden: Wie ein Handheld…
- … mit abgenommenen Joy-Con…
- … und klassisch mit einem Controller, den ihr aus den joy-Con zusammensetzt.
Da Switch auch wie ein Tablet genutzt werden kann, ist der 10-Finger-Multitouch-Bildschirm nicht ganz unwichtig. Das mit 6,2 Zoll vergleichsweise große Display spielt in der Phablet-Liga, bietet jedoch nur eine Auflösung von 1.280 mal 720 Pixeln (während Switch im stationären Modus auf FullHD und 4k (30-fps-Lock) kommt). Die Besonderheiten der Tableteinheit: Sämtliche Technik ist in einem kompakten Gehäuse untergebracht, das zwei seitliche Halterung für die Joy-Con genannten Controller bietet.
Switch setzt auf Cartridges/Module als Speichermedium. Im mobilen Einsatz seit seligen GameBoy-Zeiten bewährt, ist die Rückkehr der Speicherchips auf eine stationäre Konsole ungewöhnlich. Dabei haben die Karten viele Vorteile: Kaum spürbare Ladezeiten, hohe Robustheit, enorme Speicherkapazität. Und die Produktionskosten liegen nur unwesentlich über denen einer BluRay. Für den Support durch Dritthersteller kein ganz unwichtiger Faktor.
Switch im stationären Modus
Packt ihr die Switch in die mitgelieferte Docking-Station, verbindet sich diese über HDMI mit eurem Fernseher. Dann funktioniert die Konsole nicht anders als PlayStation 4 oder Xbox One. Die Joy-Con werden zudem in eine Halterung gepackt, die aus beiden Hälften einen vollwertigen Spielecontroller machen. Während die Bildqualität über jeden Zweifel erhaben und der aktive Kühler an der Gehäuseoberseite kaum zu vernehmen ist, hinterlässt der zusammengebaute Controller einen zwiespältigen Eindruck. Kompakt ist er, ja. Und die Ergonomie stimmt im wesentlichen, die Tasten haben einen präzisen Druckpunkt und sind auch für große Hände gut zu bedienen.
Der knappe Neigungswinkel und kurze -weg der beiden Analogsticks sind hingegen gewöhnungsbedürftig – Spieler anderer Plattformen sollten daher ein paar Euros mehr investieren und den Pro-Controller kaufen, der den klassischen Eingabegeräten näher kommt. Dann gäbe es zudem zwei mindestens gleichwertige Controller. Die Joy-Con können zwar auch je zur Hälfte an einen Spieler gegeben werden, für viele Spieler dürften diese Controller etwas zu fummelig weil zu klein sein.
Nintendo Switch ist anders als seine Vorgänger Wii und Wii U minimaliistischer im Ansatz. Nintendo verzichtet auf einen Webbrowser, auf den grafischen Overkill des Miiverse; das TV-Kachel-Design der letzten elf Jahre wurde verworfen, stattdessen ist die Benutzeroberfläche der Switch aufgeräumt und klar – mit wenigen Symbolen, was die Übersicht erhöht. Dankenswerterweise sind auch die ersten Videos des Homescreens und vom Setup aufgetaucht, von denen eines stellvertretend präsentiert wird:
Die Bedienung ist zudem auf den Tabletmodus hin optimiert worden – klarerweise werden die Symbole so angeordnet, dass ihr euch schnell und unkompliziert durch die Menüs navigiert. Wo wir auch beim Stichwort wären…
Die Switch im Mobilmodus
Switch möchte mehr sein als eine TV-Konsole. Große Spiele im Handheld-Format, das ist das zentrale Versprechen. Eines, das Nintendo unbedingt halten möchte. Die Ambitionen zeigen sich schon beim Wechsel vom TV- in den Handheld-Modus: Ihr zieht die Switch einfach aus der Docking-Station, das Bild des Spiels wird auf den kleinen Bildschirm gelegt und das Zocken kann weiter gehen. Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, ehe Switch das Bild aufs Tablet legt oder wieder auf den großen HDTV zaubert. Während des Anspiel-Events in Berlin erlebten Tech-Interessierte, wie das Gerät ungläubig viele Male schnell in die Docking-Station gepackt und wieder herausgenommen wurde. Der reibungslose Wechsel ist erstaunlich.
Die Akku-Laufzeit der Switch im mobilen Modus gibt Nintendo mit zwischen 2,5 und 6 Stunden an. Je nach Spiel, Leistungsaufwand und Bildschirmhelligkeit. Das ist kein Fabelwert, im Handheld-Sektor immerhin gutes Mittelmaß und verglichen mit Android-Devices passabel – grafisch aufwendige Spiele (etwa Need for Speed: Most Wanted, Ravensword und N.O.V.A. 3) oder Pokémon GO ziehen den Handy-Akku ebenfalls schnell auf Null. Sollte die Switch unterwegs geladen werden wollen, um weiter zu zocken, wird eine handelsübliche PowerBar angeschlossen, die schon ab wenigen Euros zu haben ist.
Der Bildschirm (zur Erinnerung 6,2 Zoll; 1.280 mal 720 Pixel) wurde nicht entspiegelt und wirkt vielleicht gerade deshalb brillant – eine Schutzfolie wird dennoch angeraten, eine Antireflex-Folie dürfte denen zugute kommen, die auch bei Sonnenlicht spielen.
Mobil genutzt werden kann Switch auf drei Weisen: Als reines Tablet ohne Controller (was in Berlin nicht möglich war), als mit Controllern flankierter Handheld oder im so genannten TableTop-Modus. Letzterer erlaubt es, die Switch per Standfuß leicht angeschrägt auf eine ebene Unterlage zu stellen und via ausgehangener Joy-Con weiterzuspielen. Ob kooperativ wie bei Snipper-Clippers oder allein in Epen wie Zelda: Breath of the Wild, bleibt euren Vorlieben überlassen. Reizvoll ist, dass Titel wie Super Bomberman R, Splatoon 2 und Mario Kart 8 Deluxe Spieler einladen, ganze Turniere unterwegs abzufeiern. Wie mühselig ist es dagegen, Android-Devices miteinander zu verbinden, um sich lokal Saures zu geben?
Nintendo zehrt hier von Erfahrungen der letzten zweieinhalb Jahrzehnte. Was mit dem GameBoy begann und mit dem Nintendo DS Nicht-Spieler begeisterte, wird mit einem Hybriden vollendet, der keine Kompromisse eingeht. Die ultimative mobile Spiele-Plattform heißt nicht Nvidia Shield oder Android, sondern Switch.
Die großen Fragezeichen
Die ersten Eindrücke der Hardware waren gut bis exzellent. Dennoch bleiben viele Fragezeichen. Wie ist es um die Technik in einigen Jahren bestellt? Wie robust ist Nintendos Switch-Hybrid und wie viele Jahre hält der fest verbaute Akku durch, ehe er gewechselt werden muss? Und über alledem: Wie gut ist die Unterstützung seitens der Dritthersteller gegenüber Nintendo? Alles Fragen, die in nicht einmal mehr zwei Wochen beantwortet werden können, wenn Nintendos Switch in den Händen gehalten wird. Einen exzellenten Eindruck macht das Gerät nach erster Anspielsession aber sehr wohl.
Welche Titel sich lohnen werden, das wird in diesem Special verraten.




