Samsungs Traum ist aus – statt mit dem Galaxy Note 7 Apple endgültig anzugreifen und Phablets im höchsten Preissegment zu etablieren, kämpft das südkoreanische Unternehmen in den nächsten Jahren ums Vertrauen seiner Kunden. Bestenfalls.
Viel schlimmer hätte es für Samsung mit dem Galaxy Note 7 eigentlich nicht laufen können – und glücklicherweise hat man die Reißleine gezogen. Das schon zu schreiben ist surreal. Ein Unternehmen von der Größe wie Samsung hat öfter mit Rückschlägen zu kämpfen. Umsatzziele eines Quartales werden schon mal verfehlt, öfter muss die Produktpalette neu ausgerichtet werden, manchmal ist man als Elektronik-Multi schlicht den Launen des Marktes (sprich: dem Massengeschmack) ausgeliefert. Aber ein Debakel wie in den zurückliegenden Wochen? Bisher unvorstellbar – Bendgate hin, Stagefright her.
Das Kapitel Galaxy Note 7 erzählt die Geschichte eines Konzerns, der viel wollte und im Bestreben um die Überflügelung seines ewigen Konkurrenten Apple alles auf eine Karte setzte. Galaxy 7 und Galaxy 7 edge waren Vorboten eines Smartphones, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte. Das Galaxy Note 7 sollte Top-Smartphone mit Top-Hardware, Top-Ausstattung, Top-Betriebssystem zu einem hohen Preis werden, von welchem jeder Cent gerechtfertigt sein sollte. Die Markteinführung wurde begleitet von Rezensionen, die im Überschwang mitteilten: „Besser wird es nicht!“
Wie viele Tech-Seiten irrten!
Erste Probleme
(Quelle: CNN.com)
Schon kurz darauf nämlich machten erste Gerüchte über „explodierende“ Note 7-Geräte die Runde. Produktionsfehler sind bei einer Erstcharge keine Seltenheit, viel zu oft wird eine Gerätereihe beim Kunden überhaupt erst erprobt. Dass ein Akku aber explodieren, platzen oder sich gar entzünden würde, das galt nach dem Akku-Debakel von Sony anno 2011 als überwunden. Samsungs erste Reaktion war folgerichtig: Rückruf der verkauften Geräte, Einfrieren der Note 7-Palette. Wer wollte, konnte sein Gerät zum Umtausch anmelden, ein anderes Samsung-Handy wählen oder bekam sein Geld zurück. Schon diese Aktion kostete das Unternehmen geschätzte 2,5 Milliarden US-Dollar. Unvorstellbar viel Geld also, das nur dann gut „angelegt“ schien, sollte Samsung seine Probleme überwunden haben.
Eilig wurde ein Update der Note-Geräte versprochen, der Defekt als identifiziert und behoben bezeichnet. Für diejenigen, die ihre Note 7 nicht umtauschten, wurde ein Zwangs-Update eingespeist, das die Akkukapazität auf nahezu die Hälfte reduzierte. Die runderneuerten Geräte versprachen viel und endlich atmeten Samsung-Fans auf: das Galaxy Note 7 würde doch noch kommen! Nur wurde der erneute (kleine) Markstart in Südkorea, China und den USA wieder von News begleitet, die von sich selbst entzündeten Smartphones berichteten.
Stecker gezogen – und nun?
Dass Samsung die Reißleine heute endgültig zog, war eine Verzweiflungstat – denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte das Unternehmen geschätzte 17 Milliarden US-Dollar verloren – obwohl „nur“ einige hundert der über 2,5 Millionen an den Handel ausgelieferten Geräte tatsächlich in Brand gerieten, platzen oder zu schwelen anfingen. Weitere Verluste? Nicht hinnehmbar, aber angesichts von Konsumentenklagen auch nicht auszuschließen. Der Imageschaden? In dem Segment, mit dem die Südkoreaner die Hälfte ihres Umsatzes erzielen, nicht abzuschätzen – aber die Aktienkurse verheißen nichts Gutes.
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Das Schlimme hierbei ist nicht, dass Samsung ein ganzes Produkt vom Markt nimmt, weil es einen Defekt aufweist. Das passierte auch anderen Herstellern in der Vergangenheit. Die Art und Weise, wie darüber kommuniziert wurde, gab und gibt Anlass zur Besorgnis. Zunächst wurde auf ein Software-Problem verwiesen, schnell noch um die Abschaltung aller Geräte gebeten, dann die berühmten Akkuprobleme thematsiert. Nur, um sodann eine zweite Version anzubieten, welche scheinbar die selben Fehler aufweist wie zuvor. War es nun der Akku? Ein defekter Controller auf der Hauptplatine? Ein kleines Bauteil im Werte weniger Cents, das das ganze System zum Kollabieren brachte? In Seoul dürften die Ingenieursköpfe qualmen und das Designproblem der missglückten Hardware heftig diskutiert werden. Bislang ist Samsung schlicht ratlos, was für einen Elektronik-Konzern schon schlecht ist.
Keine Kopfhörerbuchse – aber auch kein Problem: iPhone 7. (Foto: Apple Intl)
Samsung aber, das Südkoreas Aufstieg zur Industrienation begründete und Vorreiter der modernen Elektronik war, könnte eine ganze Nation in die Depression stürzen. Südkorea wäre ohne Samsung nicht denkbar – das Unternehmen hat Krankenhäuser, Freizeitparks, Wohnanlagen und Infrastruktur maßgeblich aufgebaut. Eine Kritik an Samsung war auch stets eine am Staat. Und ohne die Fehler des Galaxy Note 7 aufzuarbeiten, kann das Unternehmen künftige Aufgaben nicht ohne Zweifel angehen. In einer Gesellschaft, die auch nur den Anflug von Kritik als Frechheit versteht, braucht es dafür eine gesellschaftliche Überwindung, die Südkorea bislang nicht eigen ist.
Der Gewinner des Note 7-Debakels? Apple, vorläufig. Obwohl das iPhone 7 längst keinen so großen Sprung zum Vorgängermodell aufweist wie frühere Generationen, kann sich das Unternehmen aus Cupertino als verständiger Designkonzern profilieren, dessen Bendgate mittlerweile vergessen ist. Die fehlende Kopfhörerbuchse wird verschmerzbar, solange wie einem das iPhone 7 nicht um die Ohren fliegt. Android-Konkurrenten wie Huawei wittern außerdem Morgenluft, Samsung den ersten Platz im hochpreisigen Segment abzutrotzen.
Es braucht mehr als ein „Sorry“ von Samsung. Es braucht eine neue Unternehmensphilosophie.
(Copyright Aufmacher: Samsung Mobile & techmalak)