Das Bild des entrückten Gamers mit Megabrille auf dem Kopf, der sich durch virtuelle Realitäten kämpft, dürfte vielen vertraut sein. Das virtuelle Erleben war bisher jedoch ein eher teurer Spaß. Das soll jetzt anders werden, denn mit der Durovis Dive gibt es Virtual Reality bereits für den etwas kleineren Geldbeutel.
Durovis Dive – was ist das?
Hinter der Entwicklung der Durovis Dive steht der Bonner Informatiker und VR-Fan Stefan Welker. Hergestellt wird die Dive von Shoogee, einem Start-Up Unternehmen mit Sitz in Münster. Schon ab März letzten Jahres konnten sich Besitzer eines 3D-Druckers eine Open-Source-Datei von der Entwickler-Seite herunterladen und ihre Smartphone-Halterung selbst herstellen – die Linsen mussten sie allerdings damals noch zusätzlich erwerben. Alle anderen 3D- und VR-Enthusiasten können die Halterung inklusive Linsen inzwischen jedoch als fertiges Modell für 56,98 € inklusive Versand direkt über den Durovis-Shop bestellen.
Bei der Dive handelt es sich um ein robustes Gestell mit zwei Linsen und einem Smartphone-Halter, das sich der User ähnlich wie eine Skibrille um den Kopf schnallt. Die VR-Anwendungen laufen über das Smartphone, dessen Screen als Monitor dient. Grundvoraussetzung zur Nutzung der Dive ist ein Handy mit Android oder iOS, das über einen vier bis fünf Zoll großen Screen, ein Gyroskop sowie einen Beschleunigungssensor verfügt. Auf der Durovis Dive Website gibt es eine Übersicht kompatibler Handymodelle.
Die erste Frage eines Brillenträgers, dem die Erfindung vorgestellt wurde: “Toll! Kann ich die denn auch mit Brille nutzen?” Die Dive wird grundsätzlich ohne Brille genutzt: Zwei seitlich angebrachte Führungsschlienen ermöglichen das freie Ausrichten der Linsen nach vorne, hinten oder zur Seite, je nach Augenabstand oder Dioprtinzahl. Die Ausrichtung für die jeweilige Dioptrinzahl ist jedoch nicht etwa irgendwo am Gehäuse angezeichnet – hier muss jeder selbst ausprobieren, mit welcher Linsenausrichtung er am besten klarkommt. Schwierig dürfte es für Nutzer werden, die ihre Brille nicht aufgrund eine Kurz- oder Weitsichtigkeit, sondern wegen Hornhautverkrümmungen oder Ähnlichem tragen – diese Fehlsichtigkeiten lassen sich mit der Dive natürlich nicht ausgleichen. Die Linsen der Dive selbst sind auswechselbar.
Verarbeitung
Die dem Gesicht zugewandte Seite der Durovis Dive ist ergonomisch angepasst und mit einem weichen Schaumstoff verkleidet, der Druckstellen auf dem Gesicht verhindern und das Tragen angenehm machen soll. Wie haltbar der Schaumstoff bei häufigem Gebrauch ist, wird wohl nur die Praxis zeigen. Der längenverstellbare Gummiriemen, mit der die Dive umgeschnallt wird, ist schön breit und zusätzlich gummiert, damit er nicht vom Kopf rutscht.
Zum Einlegen des Smartphones muss die Halterung auf der Frontseite des Gestells heruntergeklappt werden. Das ist aufgrund eines strammen Verschlusses zwar nicht ganz einfach, vermittelt andererseits aber ein gutes Gefühl, da das Handy dadurch nicht allzu leicht aus der Dive herausfallen kann.
Eingesetzt wird das Smartphone mit dem Display Richtung Linsen. Der Teil des Rahmens, auf dem das Handy mit dem Display aufliegt, ist mit stabilen Gummiverkleidungen versehen. Ein auswechselbares Schaumstoffpolster an der Halterungsklappe schützt die Handy-Rückseite vor dem Verkratzen. Beim Testgerät ließen sich die Führungsschienen zum Ausrichten der Linsen gut bedienen, die Linsen selbst machten sich, wenn das Display des eingespannten Smartphones bedient wurde, jedoch gerne einmal selbständig und fielen aus ihrer Halterung.
Insgesamt macht die Durovis Dive jedoch einen recht robusten Eindruck. Manch ein Spaltmaß fällt zwar etwas ungenauer und die eine oder andere Rille breiter als nötig aus – für diese niedrige Preisklasse ist die Verarbeitung aber durchaus akzeptabel.
Zubehör
Im Zubehörkarton des Testgerätes lagen außer der Dive eine mehrsprachige Bedienungsanleitung, eine Eigentümer-Karte (zum Registrieren der Brille) sowie ein weißer und ein schwarzer Schutzbeutel zum Verstauen der Dive. Diese Beutel lassen sich laut Aufschrift auch zum Putzen der Linsengläser nutzen.
Die Durovis Dive in der Praxis
Eine witzige Idee ist der Weg zu Dive-Spielen über einen Dive Launcher, den man sich über den Google Play Store auf das Handy laden kann. Ein Barcode auf der Dive-OVP verkürzt den Weg dorthin. Beim Launcher selbst handelt es sich um ein dreidimensionales Zimmer mit einem Regal, aus dem sich der Nutzer das jeweilige Dive-Spiel ziehen und starten kann. Das funktioniert natürlich nur, wenn diese Spiele, bei denen es sich zur Zeit eher um Demos wie eine Achterbahnfahrt, einen virtuellen Rundgang durch ein mediterranes Landhaus oder ein BubbleCar Rennen, auch auf dem Smartphone installiert sind.
Sowohl Launcher als auch Spiele werden auf dem Smartphone-Screen als Doppelbild dargestellt, das sich sich für die Augen in ein 3D-Bild umwandelt, wenn man es durch die Linsen der Dive betrachtet. Diese Technik nutzt nicht nur die Dive, so dass es auch zahlreiche entsprechende 3D-Movies auf YouTube zu entdecken gibt. Einen weiteren Zugang zu 3D-Filmen bietet der Go Show Movie-Launcher, der kostenlos im Google Play Store zu haben ist.
Die angebotenen Dive-Spiele lassen sich mittels Kopfbewegungen über die Handy-Sensoren steuern. So kann man sich in seiner Umgebung umschauen, und eine Kopfbewegung nach unten aktiviert weitere Funktionen, wie beispielsweise das Gehen oder die Play-Funktion im Dive-Launcher. Zum Aktivieren und Deaktivieren bestimmter Effekte ist jedoch nach wie vor die Berührung des Bildschirms nötig, und hier zeigt sich ein Minuspunkt der Dive: Hier entpuppte sich die Halterung nämlich als ganz schön fummelige Angelegenheit, deren Kompliziertheit sich noch steigern lässt, wenn versucht wird, bei eingespanntem Smartphone über den Touchscreen ein YouTube-Video zu suchen. Der Umgang mit der VR-Brille wird somit schnell mal zu einem Auf- und Absetzmanöver, das Nerven kostet. Alternativ können Games allerdings auch über eine Bluetooth-Tastatur oder einen anderen Bluethooth-Controller gesteuert werden.
Durch den kurzen Abstand zum Display sind auch bei hoher Screenauflösung Pixel wahrnehmbar, wenn explizit darauf geachtet wird – dies zu kritisieren wäre jedoch als “mit Kanonen auf Spatzen schießen” zu bezeichnen, denn schließlich handelt es sich hier nicht um ein High-Tech Gerät, das sich preismäßig in den Tausendern bewegt, sondern um ein wirklich nettes Gadget, das einen durchaus passablen Einstieg in die VR-Welt ermöglicht. Sowohl mit einem Nexus 4 als auch mit einem LG Optimus 4x klappte das im Test prima.
Die Dive wird am liebsten in dunkler Umgebung genutzt, da durch die offene Unterseite und die Aussparungen neben den Führungsschienen ziemlich viel Licht sickert. Empfindlicheren Menschen sei angeraten, hin und wieder mal eine Pause beim Spielen oder Filmegucken einzulegen, denn das Konsumieren von 3D-Inhalten ist anstrengend für Augen und Gehirn und kann zu Übelkeit oder Schwindel führen. Epileptiker sollten ganz auf die Nutzung dieser Technik verzichten.
Fazit
Auch wenn es an der Durovis Dive noch den einen oder anderen Kritikpunkt wie die fummelige Display-Bedienung oder locker sitzende Linsen gibt, überraschte dieses Gadget positiv. Die Verarbeitung ist der Preisklasse angemessen gut, die Idee simpel, aber genial. Warum nicht das ohnehin schon vorhandene Smartphone zusammen mit einer günstigen VR-Halterung nutzen, anstatt extrem viel Geld für High-Tech Geräte auszugeben?! Da dieses Konzept noch neu ist, darf sicherlich zukünftig auch noch mit einigen Verbesserungen wie beispielsweise einer größeren Anzahl kompatibler Spiele oder Finetuning an der Dive selber gerechnet werden.
Wünschenswert wären beispielsweise etwas fester sitzende Linsen, eine bessere Touchscreen-Bedienbarkeit, eine Verringerung des Lichteinfalls von außen oder ein etwas breiterer Blickwinkel. Insgesamt bietet die Dive aber jetzt schon einen recht hohen Spaßfaktor und einen guten Einstieg für alle, die mal in virtuelle Welten schnuppern wollen.