Vor knapp sechs Jahren begann eines der größten Phänomene der Appstore-Geschichte: Rovio veröffentlichte Angry Birds. Die Downloadzahlen überschlugen sich, schnell musste die Kundschaft mit Spinoffs von Rio bis Star Wars bedient werden und sogar im Stofftiermarkt sah der finnische Publisher Zukunft. Jetzt ist endlich eine echte Fortsetzung erschienen, die sicherlich die Lager in zwei Teile spalten wird.
Die guten Nachrichten zuerst: Angry Birds 2 ist im Kern ein tadelloser Nachfolger, der vieles richtig macht. Das grundlegende Spielprinzip bleibt erhalten, ergo ist es die Aufgabe, wieder mit den Vögeln einen Haufen voller Schweine auszuknocken. Die Vögel werden abermals in eine große Zwille gespannt, mit der nur in eine Richtung gezielt und abgefeuert werden muss. Die Schweine wiederum verstecken sich inmitten von Steinen, Holzbrettern oder Eisblöcken, die den Gesetzen der Schwerkraft ausgesetzt sind. Gelingt es, einen der Vögel mit voller Wucht gegen eine Schwachstelle des Konstrukts zu brettern, dann stürzt es wie ein angestupstes Kartenhaus ein. Die Schweine fallen entweder ins Bodenlose oder werden erschlagen, woraufhin das Spiel zum nächsten Level springt.
Neue Grafiken für altes Federvieh
Die erste, wichtige Neuerung fällt jedem sofort ins Auge: Die Grafik wurde massiv verbessert und vor allem in Sachen Animationen stark erweitert. Sowohl die Vögel als auch die Schweine sehen plastischer aus, obwohl das Spiel nach wie vor auf eine klassische Seitenperspektive vertraut. Nette Effekte, wie wenn beispielsweise die Vorspultaste zum Beschleunigen des Geschehens gedrückt wird, runden den optisch sehr guten Gesamteindruck ab.
Spielerisch hat sich auch einiges getan: So besteht ein Level nicht mehr nur aus einem „Bild“, sondern aus mehreren Abschnitten, die am Stück gelöst werden müssen. Des Weiteren stehen stets Spielzüge in Form von Karten zur Verfügung, auf denen jeweils ein bestimmtes Federvieh abgebildet ist. Ergo kann diesmal selbst gewählt werden, welche Vogelart als Nächstes eingesetzt werden soll. Das ist deshalb wichtig, weil z.B. die Blauen besonders effizient im Zerstören von Eisblöcken sind, der Chuck jedes Holzbrett durchbohrt oder eine Mathilde Eierbomben abfeuert.
Im Laufe des Spieles stehen immer mehr Vogelarten und entsprechend Karten zur Verfügung, wobei das Spiel jedoch zu Beginn einer Runde stets drei per Zufall aussucht und alle weiteren erst mit jeder getätigten Aktion „nachrücken“. Zudem erhält der Spieler in regelmäßigen Abständen Bonuskarten zur Belohnung von besonders effektiven Kettenreaktionen. Auf der anderen Seite werden auch die Levels größer und bestehen aus immer mehr „Bildern“, weshalb die zusätzlichen Viecher dringend benötigt werden.
Soll darüber hinaus ein Zauberspruch genutzt werden (beispielsweise vom Himmel regnende Enten oder Ziel gelenkte Chilischoten), dann muss der entsprechende vor Beginn eines Levels ausgewählt werden. Doch Vorsicht: Der Vorrat ist diesbezüglich natürlich begrenzt, weshalb die Ressourcen gut eingeteilt werden sollten.
“Freemium” zerstört alles
Bis hierhin hört sich Angry Birds 2 nach einem kleinen Traum für Fans der Serie an, speziell unter Berücksichtigung des Umfangs mit seinen immerhin 240 Levels oder zusätzlicher Spielmodi wie der Arena, in der mit anderen Spielern in einer Art Turnier um den höchsten Hi-Score gekämpft wird. Doch leider hat sich Rovio für ein Free2Play-Modell entschieden, dass sichtlich den unerfahrenen Casualgamer abzocken möchte – und damit zu den schlechten Nachrichten.
Ältere Episoden von Angry Birds, die ebenfalls von Haus aus umsonst angeboten werden, finanzieren sich durch das Bezahlen von Spezialfähigkeiten. In Angry Birds 2 ist dem nicht so: Dort können Kristalle gekauft werden. Die Preismodelle fangen hierbei mit 80 Stück für 1 Euro an und hören bei 11.300 für satte 100 (!) Euro auf. Mit diesen Kristallen können wiederum im Spiel Goodies erworben werden, wie beispielsweise die Zaubersprüche. So weit, so erträglich.
Mehrere Abschnitte? Was spielerisch interessant klingt, ist Mittel zum Zweck: Dem Spieler das Geld aus den Taschen zu ziehen.
Leider schränkt Rovio mit Angry Birds 2 erstmals die Anzahl der verfügbaren „Leben“ ein – oder besser gesagt die Versuche, wie oft ein Level wiederholt werden darf. Scheitert der Spieler fünfmal, dann bleiben folgende Optionen zum Weiterspielen: Es kann eine halbe Stunde gewartet werden (für ein Leben), ein Werbeblock angeschaut werden (ebenfalls für ein Leben) oder 60 Kristalle ausgegeben werden (für immerhin fünf Leben). Ersteres kostet Zeit, zweiteres ist nach mehrmaliger Nutzung vorübergehend nicht möglich und letzteres richtet sich gezielt auf den Geldbeutel ungeübter Spieler. Alternativ kann übrigens auch die gleiche Anzahl an Kristallen am Ende eines gescheiterten Versuches bezahlt werden, um drei zusätzliche Vogelkarten beziehungsweise Züge zu erhalten.
Nun ist Angry Birds eine Mischung aus einem Denk- und einem Geschicklichkeitsspiel, dass aufgrund seines Konzeptes nicht ganz ohne Glück auskommt oder zumindest ein äußerst feinfühliges Fingerspitzengefühl abverlangt, speziell wenn es auf einem „kleinen“ Smartphone gespielt wird. Jedenfalls kann ein Millimeter zwischen vollem Erfolg und verschwendetem Zug entscheiden, weshalb selbst erfahrene Spieler die eine oder andere Nullnummer in Kauf nehmen müssen.
Ein Großteil der spielerischen Veränderungen, die Angry Birds 2 eigentlich zu einem besseren Spiel machen, verstärken diesen Glücksfaktor. Je mehr Vogelarten zur Verfügung stehen, desto mehr ist es vom Zufall abhängig, welche drei zu Beginn eines Zuges ausgewählt werden dürfen. Es ist mehrmals vorgekommen, dass vor einem dicker Turm mit Eisklötzen stand, der dafür passende blaue Vogel jedoch nicht ausgelost wurde.
In einer Runde ist sogar folgendes vorgekommen: Es waren bereits alle Vögel abgeschossen, obwohl noch ein Schwein übrig war. Danach stand die Option zur Verfügung, gegen das Schauen eines Werbeblocks eine Bonuskarte zu erhalten. Die Option wurde genutzt und ein Entenzauberspruch erhalten. Dieser kann wiederum nur blindlings abgefeuert werden, woraufhin zufälligerweise Enten vom Himmel regnen. Und diese fielen „natürlich“ genau so, dass das übrig gebliebene Schwein unversehrt blieb. Dies führte zu einem ungünstigen Ergebnis.
Lohnt der Download?
Selbst die Zauber sind… nun ja, fauler Zauber. Oder so.
Im Prinzip ist nichts gegen den Glücksfaktor einzuwenden, der auch zu einem Spiel wie Angry Birds dazugehört. Jedoch ist es umso mehr eine Sauerei, wenn Rovio ungeduldige Spieler gegen Werbung oder gar Geld neue Versuche oder zusätzliche Züge anbietet. Wohlgemerkt: Es ist bekannt, dass es sich hier um ein Free2Play-Spiel handelt, und es wird auch nicht behauptet, dass die Entwickler nicht daran verdienen sollen. Ein Modell, bei dem beispielsweise alle 20 oder 40 Levels ein paar Euro bezahlt werden, hätte am Ende vielleicht einen Zwanziger gekostet. Aber da wäre immerhin Klarheit über die Kostenstruktur gewesen. So kommt bei Angry Birds 2 kein Spaß auf, da bei jedem Versuch der Gedanke entsteht: „Dieser Versuch muss jetzt sitzen, ansonsten sind die Leben weg, es kann nicht weitergespielt werden… oder es muss bezahlt werden!!!“
Dazu kommt, dass der Schwierigkeitsgrad durch das Einführen von besonders widerstandsfähigen Endgegnern immer mal wieder massiv anzieht. Schon der fünfzehnte Level wird zur echten Geduldsprobe, weil dort viele Fehlversuche benötigt werden, um ohne zusätzlich „eingekaufte“ Karten durchzukommen. Und nein, das ist kein unglücklich gewählter Einzelfall: Bereits Level 22 oder Level 30 sind ebenfalls von einem Kaliber, das selbst ohne das Bezahlmodell im Nacken als nervig empfunden wird.
Natürlich ist Rovio nicht der erste Hersteller, der dieses Prinzip benutzt. Aber nur weil die anderen abzocken ist das noch lange kein Freifahrtschein für die „heiligen“ Erfinder von Angry Birds. Es stellt sich die Frage, was da schief gelaufen ist: Das ursprüngliche Spiel war ein kommerzieller Megahit. Der hier präsentierte Nachfolger ist technisch, grafisch und im Prinzip auch spielerisch deutlich besser, sieht aber auch nicht nach einem Titel aus, der unterm Strich hunderte Millionen Dollar verschlungen hat. Warum also wird die Marke derart kaputtgebaut, weshalb dann solche Abzockermaßnahmen von Nöten sind?
Zum Abschluss sei noch ein kleines, obskures Detail erwähnt: Die besagten Werbeblocks verweisen ebenfalls auf Free2Play-Titel, darunter auch einige aus dem Angry Birds Universum. Aber ist es nicht irgendwie selten dämlich, wenn in Angry Birds 2 eine Werbung zu Angry Birds 2 (!) gezeigt wird? Das ist Ressourcen- und Zeitverschwendung in Reinkultur, die niemandem etwas bringt – weder Rovio und schon gar nicht dem Spieler.
Falls dennoch in das Spiel hineingeschnuppert werden soll, ist Angry Birds 2 “kostenlos” im Google Play Store zu finden.