Als Android-Magazin lohnt es sich, auch einmal den Blick über den Tellerrand hinaus zu richten. Klar, Apple-Produkte rücken gerne in den Fokus, weil sie viele Trends ankündigen oder schlimmstenfalls Android-Features als massentauglich adeln. Doch es gibt ein wesentlich interessanteres Projekt, das in Zukunft die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird: Nintendos neues Projekt ‚NX‘. Was sich dahinter verbergen könnte? Eine Spurensuche wird unternommen…
Wer oder was ist überhaupt Nintendo?
Nintendos letzte Heimkonsole, die Wii U, verkaufte sich bislang nur schleppend, an guten Spielen mangelt es ihr aber nicht. (Bild: Nintendo)
Nicht lachen, Kenner der Videospielszene. Nintendo ist tatsächlich nicht mehr so bekannt wie vor gut 25 Jahren, als das Super Nintendo einschlug und der GameBoy auf jedem Schulhof zuhause war. Ganze Chroniken und Geschichtsdarstellungen über den japanischen Konzern könnten verfasst werden, doch wird es bei einigen Eckdaten und -fakten belassen. Nintendo wurde 1889 von Fusajiro Yamauchi in Kyoto gegründet und produzierte in seinen ersten Jahren Hanafuda-Karten – ein lukratives Geschäft, das die ersten Jahrzehnte den Broterwerb darstellte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg angelte sich das Unternehmen die Disney-Lizenz und produzierte eine Millionenauflagen von Spielkarten mit Micky Maus, Donald und Co. Auch das war lukrativ und brachte gutes Geld ein – doch Nintendo versuchte sich auch auf vielen anderen Gebieten. So kaufte man sich in ein Taxi-Unternehmen ein, betrieb Stundenhotels und vertrieb (wenig erfolgreich) sogar Instant-Gerichte mit Reis.
Bekannt wurde Nintendo weltweit mit Acrade-Automaten wie Donkey Kong und dem NES (in Japan Famicom), einer höchst erfolgreichen Heimspielkonsole. Es folgten der GameBoy, Super Nintendo, N64, der GameCube oder auch die Bestseller Wii und Nintendo DS/3DS, die in jüngster Vergangenheit reißenden Absatz fanden. Doch bei all den Erfolgen und etablierten Marken (Super Mario, Legend of Zelda, Pokémon, etc.) stagnierte zuletzte der Umsatz, auch der Gewinn brach quartalsweise ein.
Die Revolutionen, die Nintendo einst mit dem GameBoy oder der Wii los trat, werden nunmehr von anderen Firmen in hübscher Regelmäßigkeit ausgeschlachtet und weitergedacht. Mobiles Spielen etwa ist allgegenwärtig – und Hand aufs Herz, wenn es ein Gratisspiel im Play Store gibt oder ein 40 Euro teures Modulspiel im Einzelhandel, dann würde der erste Blick eher der Gratissoftware gelten.
Der Turn-Around?
Miitomo ist Nintendos Einstieg in die Android-Welt. (Bilder: Nintendo)
Nach vielen Jahren hat Nintendo die zeitlichen Umstände endlich zur Kenntnis genommen und lässt sich auf das Experiment „Mobile Gaming auf dem Smartphone“ ein. Erste Testläufe wurden klammheimlich durchgeführt, etwa mit der Pokémon-App auf iOS, und mit DeNA angelte sich Nintendo eines der profiliertesten Unternehmen am Markt. Zwar sollen die bis 2017 gerade einmal eine Handvoll Spiele für iOS und Android veröffentlichen, das Interesse an diesen ist aber bereits im Vorfeld gigantisch. Und das, obwohl Nintendo betonte, Super Mario und Co. als Goldgräber-Spielereihen auf den hauseigenen Konsolen zu belassen. Deshalb irritierte die Ankündigung von Miitomo (Infos hier) nicht wirklich. Klar, es ist ein Messenger – aber eben einer aus dem Hause Nintendo und deshalb schon a priori besonders. Neben dem Erstellen eines eigenen Mii und vielen Foto-Optionen, soll die Messenger-App auch viele andere Formen der Kommunikation bieten, die anderen Produkten abgeht.
Welche, das wird sich in wenigen Tagen zeigen. Natürlich ist die App kostenlose – verdienen möchte Nintendo im Nachgang mit InApp-Käufen.
Doch der sanfte Einstieg ins Mobilsegment soll nur der Auftakt für eine Umstrukturierung der gesamten Firma sein. Und hier kommt das Projekt NX ins Spiel. Dieses wurde von Nintendo selbst als neue Heimkonsole angekündigt, was jedoch eine Finte ist. Der Grund? Der Projektname selbst. Nintendo nutzt diese Vorabbezeichnungen meist als Wink mit dem kompletten Zaun. Und NX sollte man nicht lesen wie ein NeXt oder dergleichen, sondern als Ligatur. Heißt: Das N entspricht dem Wort Nintendo, das X sollte aber als Symbol gesehen werden. Konkreter: Als Kreuz, welches vier Enden in der Mitte vereint.
Vier Plattformen, ein Hub
Die vier Enden? Stehen für vier Plattformen, die Nintendo mit seinem neuen Nutzerkonto als Hub vereinen möchte. Die ersten beiden Enden stehen für Heimkonsolen wie Wii und Wii U und Handhelds wie den 3DS. Sie werden aller Unkenrufe zum Trotz auch weiterhin Nintendos Stützen sein, um viele Spieler mit Mario und Co. zu erreichen. Spannender ist die dritte Plattform, das Internet. Das mag banal klingen, aber hier hat der Traditionskonzern großen Nachholebedarf. Abseits offizieller Webpräsenzen findet NIntendo höchstens noch in Fan-Forenstatt. Da aber insbesondere die Hardcore-Fans in schlechteren Zeiten das Überleben des Konzernes sichern, wird Nintendo sein mit der Wii U eingeführtes Miiverse als Internet-Portal öffnen und jedem mit Nintendo-Nutzerkonto zugänglich machen.
Ein Nintendo-Smartphone? Pläne waren weit fortgeschritten
Pläne für ein Nintendo-Smartphone waren weit fortgeschritten, mehrere Prototypen bereits gefertigt – was bleibt sind Fantasie-Studien wie diese. (Bild: CURVED/labs)
Die vierte Plattform sind Smartphones. Den Informationen von Kontakten zufolge stand Nintendo kurz davor, ein eigenes Smartphone der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Die Pläne wurden aber zwischen Dezember und Februar dieses Jahres verworfen. Der Grund: Mit Android und iOS sind zwei bereits etablierte Hersteller Platzhirsche im Segment. Der Einstieg mit einem eigenen Telefon hätte unweigerlich das Nischendasein á la Blackberry oder Windows Phone bedeutet. Defintiv nicht der Anspruch, den Nintendo an sich stellt. An Infos aus der Gerüchteküche zufolge wäre das Smartphone ein Mittelklasse-Gerät geworden, welches von bestimmten Apps profitiert hätte, die es zuvor für DS gab: Polarium, Professor Layton etwa, die es nur exklusiv für dieses Gerät als Portierung hätte geben sollen. Zu aufwendig, zu teuer, zu geringe Reichweite. Deshalb wurde die Idee verworfen.
Stattdessen die Kooperation mit DeNA und Konzentration auf Smartphone-Titel, welche die potentielle Kundschaft „anfüttern“ und zum Kauf einer Konsole und der Nintendo-Spiele verführen sollen. Ein Bestandteil des neuen NX-Firmenkonzepts wird aber tatsächlich eine neue Heimkonsole sein – das noch namenlose Gerät soll leistungstechnisch mit der PlayStation 4 gleichziehen, aber auf Datenträger setzen, deren Geschwindigkeit die üblichen Ladezeiten vergessen macht. Interessanter als dies ist der Controller, der einem eingereichten Nintendo-Patent entspricht. Dieses zeigt ein ellipsenförmiges Eingabegerät, das mit Ausnahme zweier Sticks und vierer Schultertasten einen gigantischen Touchscreen zeigt, auf dem die Knöpfe und sonstigen Bedienelemente eingeblendet werden.
Das von Nintendo angemeldete Patent zeigt einige (alte) Innovationen, die anno 2012 noch zu teuer waren. (Bild: Nintendo)
Der Clou? Nicht etwa das Nintendo diesen Bildschirm zur Darstellung nutzt, das hat der Konzern schon zuvor auf DS und 3DS getan und mit der Wii U konsequent fortgesetzt. Nein, Nintendo wird an eine weitere Idee anknüpfen, die 2012 bereits die Runde machte. Damals sprachen viele Medien davon, Nintendo könne eine Technik einsetzen, mit der das Display des Wii U-Gamepad gezielt angehoben werden könne – gewisse Bereiche werden also zu Buttons und können gedrückt werden. Alternativ, so jetzige Gerüchte, könnten die Buttons transparent bzw. mit einem Display versehen werden, das die Spielszenen weiterhin zeigt. Vor vier Jahren, so hieß es in gut unterrichteten Kreisen, war solcheTechnik zu teuer und anfällig gewesen, mittlerweile aber bezahlbar und ausgereift.
Was sich spielerisch daraus ergibt, wird Nintendo auf der E3 zeigen – eben jener großen Spielemesse, auf der auch das Konzept NX vollständig enthüllt werden dürfte. Eine neue Heimkonsole, altbewährte Stützpfeiler und der Einstieg in den Smartphone-Markt mit eigenen Apps – es bleibt spannend im Hause Nintendo. Aber weder wird es ein reines Smartphone sein, noch „nur“ eine Heimkonsole. Es ist die komplette Neuausrichtung Nintendos.