Zum Inhalt
n-droid.de
Veröffentlicht am Allgemein · Android-Themen · Features 7 Min. Lesezeit

Mein altes Motorola Defy und ich: Vier Jahre Bastelspaß

Das Motorola Defy ist mittlerweile vier Jahre alt und hat sich in der Zeit sehr bewährt. Die Gründe dafür werden an dieser Stelle erläutert…

Die Einstellung zählt

Es wurde stets Wert darauf gelegt, die genutzten Handys möglichst länger als die übliche 2-Jahres-Halbwertszeit zu nutzen. Zum einen, da als Student ohnehin nur wenig finanzielle Mittel zur Verfügung standen. Zum anderen aber wird seit jeher Wert darauf gelegt, einen Gegentrend zur Wegwerfgesellschaft mit einem gewissen Nachhaltigkeits-Hintergedanken zu bilden. Diese Einstellung hat dazu geführt, dass sich meist für die robusten Klassiker der Mobilfunkgeräte wie das Siemens S25 oder den wasserfesten Nachfolger Siemens M35i entschieden wurde. Auch das letzte Dumb phone, das Nokia 6230i, hat sich als so robust erwiesen, dass es noch jetzt, an die 8 Jahre später, als Notfall-Gerät genutzt wird.

Der Kauf

defy amazon1

Das erste Smartphone musste also auch wieder ein Outdoor-Handy werden und natürlich trotzdem ordentliche Hardware-Spezifikationen mitbringen. So wurde nach einiger Recherche das Motorola Defy entdeckt, das zwar ein Mittelklasse-Smartphone war, aber besonders durch eine hohe Pixeldichte und kompakte Ausmaße auftrumpfte. Und es war wasserfest! Aber nicht nur das; im Gegensatz zum Trend konnte man sowohl den Akku als auch den Speicher tauschen, was ebenfalls als sehr wichtig erachtet wurde.

Wären damals Begriffe wie Bootloader, Cyanogemod oder AOSP bekannt gewesen, wäre die Wahl vermutlich auf ein Nexus gefallen. Stattdessen wurde dieses Gerät gewählt. Abgesehen von einigen größeren Problemen wird die Entscheidung weiterhin als sehr zufriedenstellend empfunden.

Am 20.10.2009 kam also das erste Smartphone ins Haus geflattert – und die Performance enttäuschte direkt! Dies entsprach nicht den Vorstellungen. Motorola forderte auch noch Daten für einen eigenen Motoblur-Account. Und das ganze Telefon war voll von Motorola-eigenen Apps. Aber es war ja ein Androide, also sollte es wohl nicht so schwer sein, da etwas zu verbessern, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch kein umfassendes Wissen über die Materie vorhanden war.

Aufgemacht.

Aufgemacht.

Gelernt zu lösen

logos

Das Erste, was gelernt werden musste, war die größere Abhängigkeit vom Hersteller als ursprünglich angenommen. Denn das Gerät lief mit Android Eclair und Motorola wollte nicht sicher sagen, ob das Defy noch ein Update auf  Froyo erhalten würde. Es wurde begonnen, nach einer Community zu suchen, die mehr Unterstützung als das Unternehmen bieten konnte. Nach einiger Recherche wurde android-hilfe.de gefunden und anschließend xda-developers.com genutzt. Dort konnten Informationen eingeholt werden, und es wurde zuerst gelernt, was ROOT bedeutet und wie wichtig es ist, wenn die Kontrolle über das Smartphone erlangt werden soll. Ein Developer Namens JBoogie3 war der erste, der eine Methode zum Rooten für das Defy erklärte. Dadurch war es endlich möglich, Werbung auszublenden, Samba zu nutzen oder im System Dateien zu verändern.

Bis Froyo offiziell veröffentlicht wurde, war das Handy bereits übertaktet, deodexed und mit ClockworkMod Recovery ausgestattet. Eine erste Custom Firmware war auch längst installiert. Dabei waren die ersten Versuche mit viel Angstschweiß verbunden, da prompt etwas falsch gemacht wurde und das Handy zu Beginn nicht mehr hochfahren wollte. Es musste direkt gelernt werden, wie eine offizielle ROM (Betriebssystem) mit dem Rechner geflasht (aufgespielt) wird, wenn nichts mehr geht. Diese aufregenden Situationen wurden jedoch gemeistert und es wurde aus den Fehlern gelernt.

rsdlite_screenshot cwm.5_screenshot

Vier Monate nach Release von Android Froyo wurde die erste Version für das Defy geleakt. Es dauerte noch einmal sechs weitere Monate, bis in Deutschland eine offizielle Version von Motorola angeboten wurde. Hier zeigt sich deutlich das Problem der Fragmentierung von Android-Versionen und herstellersuboptimierten Systemen.

Bis dahin musste jedoch noch mit einem Hardware-Problem gekämpft werden, von dem zuvor schon viel in Foren gelesen worden war: Der Hörlautsprecher hatte sich verabschiedet und wollte ersetzt werden. Es gab jedoch Glück, und trotz modifizierter Firmware wurde er noch in der Garantiezeit ausgetauscht. Mitgeschickt wurde eine Warnung, dass es sich lediglich um einen Kulanztausch handelte. Schon damals wurde der Gedanke geäußert: „Danke Motorola! Wie großzügig, dass du deinen Fehler behebst!“ Dies sollte der letzte Defekt sein, der von Dritten repariert wurde.

Auch mit dem WLAN gab es so einige Schwierigkeiten, und so musste mittels eines Root Explorers im System in einer Text-Datei eine 1 durch eine 0 ersetzt werden, und alles war gut. Bis diese ganzen Kleinigkeiten herausgefunden wurden, vergingen etliche Monate.

Die Unabhängigkeitserklärung

cm7_animationRichtig spannend wurde es, als eine Möglichkeit gefunden wurde, den Motorolas Bootloader zu umgehen und eine inoffizielle Version von CyanogenMod 7 zu installieren. Es dauerte gar nicht so lange und CyanogenMod unterstützte das Defy sogar offiziell. Somit konnte Android Gingerbread schon fünf Monate vor Motorolas Ankündigung, kein offizielles Update mehr für das Defy anbieten zu wollen, eingesetzt werden.

Zwischenzeitlich wurde sogar versucht, über diverse Kanäle wie Facebook, Forum und Hotline, bei Motorola eine helfende Seele zu finden, die den freiwilligen Entwicklern Informationen über den Kernel gibt, die es ermöglichen einen bestimmten, ziemlich nervigen Fehler zu beheben, der das Defy in einigen Situationen zum Neustart zwang. Leider war niemand wirklich bereit zu helfen. Spätestens nach Motorolas Kauf durch Google bestand das Gefühl, niemand mehr würde sich mit dem alten Knochen auskennen.

Auch JellyBean wurde dank eines weiteren cleveren Hacks fleißig für das Defy weiterentwickelt. Obwohl ess nicht mehr die Performance eines Gingerbread brachte, wurde es trotzdem von vielen installiert und genutzt. Die Nutzer erhielten immerhin die Wahl, ob die aktuellen Android-Funktionen genutzt werden sollten oder ein schnelles System bevorzugt wurde.

Bastelschule

Seit der Veröffentlichung von CM7 sind jetzt zwei Jahre vergangen und das Handy musste einiges durchmachen. Die einfachste Aufgabe bestand darin, dank des altmodischem Batteriedeckels den Akku auszutauschen, da er keine Leistung mehr brachte. Einen Sturz in der Kletterhalle aus 10 Meter Höhe konnte das Defy noch überstehen, aber nach einer wilden Schlittenfahrt gab der Touchscreen dann doch dem Druck nach und zeigte Risse. Bei Ebay jedoch wurde ein Ersatz-Display gefunden. Dieses konnte tatsächlich dank einer Anleitung bei android-hilfe.de selbstständig eingebaut werden. Nebenbei wurde so ein Blick in das Innere des Telefons ermöglicht. Der Bildschirm darunter gab irgendwann seinen Geist auf und wurde ebenfalls durch den eines defekten Gerätes ersetzt. Und so lebt das alte Motorola dank diverser Organtransplantationen immer noch weiter.

Das Defy geöffnet.

Das Defy geöffnet.

Geht noch mehr?

Und jetzt? Mit dem Geschwindigkeitsproblem und den hohen Leistungsanforderungen von Jelly Bean sah es nicht gut aus für eine Weiterentwicklung. Die Veröffentlichung von KitKat und die Ankündigung von Google, die neue Android-Version laufe sogar auf “Low-End”-Geräten, macht aber noch einmal Hoffnung. Eine Alpha-Version von CM11 gibt es schon zum Download, und wenn die freiwilligen Entwickler und engagierten Entwickler noch lange genug weitermachen, wird die Version vielleicht ja sogar stabil laufen. Es bleibt abzuwarten, wohin die Reise geht. Sie endet auf jeden Fall noch nicht hier.

Sicher kommt ganz bald ein neues, starkes, tolles Smartphone! Aber selbst dann wird das alte Defy weiterverwendet. Als Media Server, Test-Gerät oder GPS-Tracker. Es gibt viele Einsatzmöglichkeiten und keine Gründe für eine Entsorgung.

Diese Geschichte ist ein Plädoyer für offene Gerätesoftware, für austauschbare Komponenten, Reparierbarkeit und Langlebigkeit. Jeder sollte beim Kauf darauf achten, sich nicht einen 500 Euro teuren Wegwerfartikel andrehen zu lassen! Es wird kein iPhone benötigt, um eine Bindung zu seinem Gerät aufzubauen. Es genügen einfach nur etwas Neugier und Einsatz.

Aufgrund der gemachten Erfahrungen wird beim Kauf eines Smartphones empfohlen, auf folgende Punkte zu achten:

  • Der Hersteller sollte einen offenen Bootloader anbieten, der Custom Kernels möglich macht. Denn so bleibt die Unabhängigkeit von den Updates eines Herstellers erhalten.
  • Sich in Foren über die Möglichkeiten wie Root, Custom ROM’s oder Probleme vor dem Kauf zu informieren, ist hilfreich. Es hilft sehr, wenn es eine große Community gibt.
  • Es ist ratsam, sich mit einem Android-Basis-Wissen vertraut zu machen, um später die richtigen Fragen stellen zu können.
  • Es sollte darauf geachtet werden, dass der Akku austauschbar ist. Denn er altert schneller als das Gerät und ist günstig nachzurüsten.
  • Es sollte sich nicht mit internem Speicher begnügt werden, sondern es sollte darauf geachtet werden, dass der Speicher durch SD-Karten erweitert werden kann. Selbst 32 GB sind schnell voll, wenn Fotos, Videos, Musik und Navigations-Apps intensiv genutzt werden.
  • Wenn möglich, sollte das Gerät recherchiert oder begutachtet werden, ob es auseinander genommen werden kann. Die Garantie hält nicht ewig und die Spider-App kann eines Tages teuer zu stehen kommen.
 
Quellen:
xda-developers.com
android-hilfe.de
droidwiki.de
 
Mein Dank geht an die Entwickler:
Quarx, Epsylon3, Blechd0se, maniac101, slugzero, nadlabak, czechop, Fuzz_, Walter79, CyanogenMod uvm.