Ob sie nur ein Trend sind oder auch langfristig von Bedeutung sein werden – das ist aktuell noch nicht abzusehen. Fakt ist, dass Android-basierte Spielkonsolen den Markt erobern wollen. Mit dem GameStick hat das britische Unternehmen PlayJam ein durchaus überzeugendes Konzept am Start.
Vorgeschichte
Im Schatten der sehr gehypten Kickstarter-Konsole Ouya versuchte auch PlayJam, Anfang 2013 bei dem US-Crowdfunding-Portal Geld von interessierten Spielern einzusammeln. Von den anvisierten 100.000 US-Dollar kamen am Schluss rund 650.000 US-Dollar zusammen. Mit der Summe wurde der GameStick realisiert. Jetzt, ab dem 29. Oktober 2013, wird die Mini-Konsole für 99,99 Euro (UVP) veröffentlicht. Unter anderem kann sie auf der offiziellen Webseite erworben werden, hiesige Händler dürften in Kürze folgen. Vor einigen Wochen hieß es noch, dass man die Spielemaschine für knapp 80 Euro anbieten möchte, so recht ist daraus nichts geworden. Somit konkurriert der GameStick mit besagter Ouya, aber auch mit anderen Einsteiger-Konsolen wie Wii Mini. Ein Preisrutsch der Xbox 360 und der PS3 Richtung 100 Euro ist ebenso in den nächsten Monaten zu erwarten, da die Nachfolge-Modelle anstehen. Somit steht die Schöpfung der erfahrenen Briten nicht minder attraktiven Mitbewerbern gegenüber.
Doch erst einmal stellt sich die Frage: Was kann der GameStick überhaupt?
Eindruck, Verarbeitung und Einrichtung
Schon der Ersteindruck ist ein positiver. In der überaus hübschen Verpackung mit Samt-Einlage befinden sich die nötigen Kabel, das USB-Ladeteil und der doch recht klobige, wuchtige Controller in weißem Klavierlack-Look. Auf der Oberseite des Eingabegerätes entdeckt man wiederum einen Einschub, in dem der namensgebende GameStick steckt. Dieser ist so groß wie ein USB-Stick und kann bei Nichtgebrauch direkt im Controller verstaut werden. Praktisch.
Gewiss ist der Controller mit seinen zwei Analogsticks, den zwei Schultertasten, den vier Aktions-Buttons, dem Steuerkreuz und den Funktionsknöpfen (Power, Start/Back, Zurück zum Hauptmenü) keine Schönheit, auch Ergonomie scheint ein Fremdwort für die Designer gewesen zu sein. Doch auch bei einer längeren Verwendung liegt das Pad noch ausreichend gut in der Hand, es erinnert dezent an ein altes NES-Pad oder an den Classic Controller der Wii U.
Die Einrichtung des GameStick geht schnell – unter anderem dank der bereits in Deutsch verfügbaren Anleitung. Die eigentliche Spielkonsole, also der kleine Stick, wird an einen HDMI-Port eines HDTVs angestöpselt. Überraschend: Das Gerät benötigt eine eigene Stromversorgung und bezieht die Energie nicht allein über den HDMI-Ausgang. Mttels wertig anmutender und elastischer Kabel sowie besagtem Netzteil ist der Aufbau kein großer Aufwand. In Anbetracht der Tatsache, dass auch die integrierten Akkus des Controllers mit den gleichen Kabeln geladen werden, kommt eine spezielle Y-Verbindung zum Einsatz. Das ist etwas ungewöhnlich. Geschenkt!
Genauso erfolgt die Installation recht flott: Während der Controller anfänglich noch mit der Konsole für das erstmalige Koppeln verbunden sein muss, kann dieser nach zwei Minuten über Bluetooth schnurlos eingesetzt werden. Abgesehen von der WLAN-Verbindung wird das eigene Gamer-Konto und die Altersfreigabe-Filter für Eltern am Computer im Browser erstellt. Hierzu wird direkt auf dem Fernseher ein Code dargestellt, den man am Rechner bzw. Tablet auf der Hersteller-Webseite zum Freischalten der Konsole eingibt. Das ist ebenso Ruck Zuck erledigt. Allgemein lässt sich sagen: Auch wenn die Stromversorgung etwas eigen ist, so wirkt das Konzept des GameStick sehr überlegt und sauber. Durch die hochwertige Verarbeitung der Komponenten wirkt das Gebotene außerdem nicht wie Billig-Plastik aus China (obwohl alles dort hergestellt wurde).
Spiele?!
Das klingt alles nach viel Arbeit? Keine Sorge – der GameStick ist nach fünf Minuten auch von weniger versierten Menschen in Betrieb zu nehmen. Flott gelangt man auch schon in das Hauptmenü der Konsole. Absichtlich legten die Macher von PlayJam, die übrigens Erfahrungen durch SmartTV-Inhalte für diverse TV-Hersteller sammeln konnten, auf eine unkomplizierte Steuerung mit dem Controller. So hangelt man sich durch die drei, vier Menüs, wählt Spiele aus, schaut sich Vorschauvideos oder Screenshots an und liest sich die Beschreibungen durch. Während die Menüs bereits fast komplett eingedeutscht sind, sieht es bei den Informationen zu den Games noch etwas anders aus. Aber: Einige Tage vor dem offiziellen Release der Konsole ist ohnehin noch nicht allzu viel los im Online-Store. Weniger als 15 Spiele warten darauf, dort gekauft zu werden. Preislich liegen die Titel zwischen 1,99 Euro und 4,99 Euro, was auch nicht wundert. Schließlich handelt es sich unter anderem bei „Shadowgun“, „Ski Safari“ oder „The Other Brothers“ um Umsetzungen bekannter Android-Spiele, die mittlerweile bei Google Play teils sogar billiger als hier angeboten werden. Doch die Verantwortlichen legten großen Wert darauf, dass alle Spiele optimal auf den Controller ausgelegt sind. Dass kein Touchscreen mehr benötigt wird, erzeugt in der Tat das Gefühl, vor einer vollwertigen Spielkonsole zu sitzen.
Das Interface der Konsole. (Foto: PlayJam)
Bedauerlich ist dennoch: Es gibt abgesehen von „Shadowgun“ kein Spiel, das man sich kostenlos zum Beispiel in Form einer Lite-Version bzw. Demo herunterladen kann. Beim GameStick geht’s ums sofortige Kaufen der Spiele – ganz im Gegensatz zur Ouya, die mit „alles gratis ausprobieren“ wirbt. Lobenswert ist andererseits das stimmige Interface, das Achten der Macher auf eine gewisse Qualität der Spiele und das ausreichende System zum Schutz der Kinder. Eltern können Spiele mit einer bestimmten Altersfreigabe automatisch ausblenden lassen, ebenso muss beim Erwerb der Spiele stets das bei der Einrichtung gewählte Passwort eingegeben werden. Bezahlt wird aktuell mit der Kreditkarte, Vourcher-Codes wird es wohl auch geben.
Veraltete Technik!
Den Kreativen bei PlayJam war es besonders wichtig, eine „runde Sache“ zu entwerfen. Menüs, Controller, optimierte Spiele – das passt alles prima zusammen und macht in dieser Form schon einen deutlich besseren Eindruck als die Ouya zum Launch mit den furchtbaren Menüs, dem billigen Controller und den technischen Ungereimtheiten. Beim GameStick dagegen klappt es von Anfang an, vom Kaufen der ersten Spiele bis zum Loslegen – alles wunderbar?! Doch schnell wird klar: Die Konsole ist nicht auf Highend-Entertainment ausgelegt. Das machen die technischen Daten deutlich.
Die Daten des GameStick im Überblick:
| Betriebssystem: | Android (keine genaue Angabe, vermutlich Android 4.x) |
| Prozessor: | ARM Cortex A9 |
| GPU | MALI 400 |
| Arbeitsspeicher: | Wahrscheinlich 1GB |
| Interner Speicher: | 8 GB |
| MicroSD | bis 32 GB |
| Video-Playback | 1080p |
| Konnektivität: | WiFi 802.11 b/g/n, Bluetooth 4.0 |
| Schnittstellen: | 1x Micro USB (Stick), 1x Micro USB (Controller) |
Letztlich handelt es sich um betagte Smartphone-Technik, die die Frage aufkommen lässt: Könnte man sich nicht selbst einen GameStick basteln. Zum Beispiel mit einem alten Mobiltelefon mit HDMI-Ausgang und einem geeigneten Bluetooth-Controller? Theoretisch würde diese Konstellation wohl einen ähnlichen Zweck erfüllen, andererseits ist PlayJams System einzig und allein aufs Spielen ausgelegt. Die Steuerung erfolgt nur über das Gamepad, sogar bis zu vier Controller für Multiplayer-Erlebnisse werden unterstützt. Ebenfalls sieht man nichts mehr von der Android-Basis. Sämtliche Menüs – bis in die Optionen – wurden angepasst, auch bei den Spielen kann man den Ursprung nicht mehr wahrnehmen. Weg von der technisierten Google-Plattform, hin zu Spiel und Freude. Dass man dadurch nicht auf Google Play zugreifen, den GameStick rooten oder vielleicht sogar eigene Apps bzw. Emulatoren aufspielen kann, ist die „Schattenseite“ des eigenständig gewordenen Systems. Wer nur etwas daddeln möchte, wird sich darum eh nicht kümmern.
Störend könnten dann nur die recht langen Installationszeiten (Spiele werden einmalig installiert), das verzögerte Zurückkehren zum Hauptmenü und das Ruckeln bei grafikintensiven Spielen wie „Shadowgun“. Gerade dieser Shooter macht klar: Der GameStick ist eher auf visuell einfachere Titel ausgelegt, nicht auf Blockbuster, die erst mit Quadcore-Chips zur Geltung kommen.
Multimedia
Erwähnter microSD-Kartenslot am GameStick hat noch einen konkreten Sinn abseits der Möglichkeit, mehr Spiele unterzubringen. Wer möchte, der packt MP3s, Videos oder Fotos auf die Speicherkarte und spielt diese im Mediaplayer der Konsole ab. Unterstützt werden alle üblichen Formate. Sehr nützlich ist ferner der ToFu Player. Das ist eine Umsetzung des beliebten XBMC, also eine vollwertige Multimedia-Software mit unzähligen Streaming-Optionen. Von der ARD-Mediathek bis hin zu flickr-Galerien kann man schon jetzt auf eine tolle Auswahl an Internetdiensten zugreifen. Und das legal sowie kostenlos! Fein!
Fazit
Der GameStick ist schon eine interessante, reizvolle Konsole. Natürlich ist die Hardware nicht auf dem neuesten Stand und das Angebot kurz vor dem Verkaufsstart recht spärlich. Aber schon jetzt werden andere Stärken der winzigen HDMI-Stick-Konsole deutlich: Die aufgeräumten Menüs, die ausgewählten Spiele, der robuste Controller und der Elternschutz offenbaren die Zielgruppe, die PlayJam im Visier hat. Und in der Tat ist der GameStick mit seinen günstigen, weitgehend familienfreundlichen Apps und dem Gamepad, das auch mal runterfallen kann, für den Nachwuchs geeignet. Jetzt fehlt noch der eine oder andere Feinschliff (manche Menüs noch nicht vollständig übersetzt) und ein reichhaltigeres Spieleangebot – dann könnte der GameStick durchaus ein Erfolg werden! Mit den „großen Konsolen“ möchte das Gerät gar nicht konkurrieren, es sind am Schluss dann doch nur angepasste Android-Apps, die hier in einem anderen Rahmen präsentiert werden. Und Experten erhalten nicht einmal Vollzugriff auf die Android-Plattform. Vielmehr ist der GameStick ein unterhaltsames Gadget für Wenigspieler, die hin und wieder mal ein Spielchen wagen wollen wollen. Das geht zwar auch mit einer Wii Mini, die ebenfalls bei 100 Euro beginnt, doch am Schluss wird eine klassische, stationäre Konsole eben doch teurer: Zubehör und Spiele auf Disk für 30+ Euro – für den gleichen Preis bekommt man beim GameStick durchschnittlich zehn Titel, die als Snack zwischendurch wunderbar geeignet sind.
Spätestens dann, wenn der GameStick im Preis unter 100 Euro sinkt, könnte er zu einer attraktiven Anschaffung für Casual Gamer werden. Die wird es auch freuen, dass sie sich nicht intensiv mit Android und anderen technischen Aspekten beschäftigen müssen.
Der GameStick ist ab dem 29.10.2013 für 99,99 Euro unter anderem bei GameStick.tv erhältlich. Als Zubehör gibt’s weitere Controller (zirka 40 Euro) bzw. eine Dockingstation mit Ethernet-Port, weiteren USB-Anschlüssen und einer integrierten Ladestation (rund 50 Euro).
Pro
- Einsteigerfreundlich
- Winzige Konsole, die kaum Platz in Anspruch nimmt
- MicroSD-Steckplatz
- Mit ToFu- und Mediaplayer auch für Streamingdienste und eigene Videos/Fotos geeignet
- Spiele kosten zwischen 2 und 5 Euro
Contra
- Aktuell noch geringes Spieleangebot
- Rooten oder Zugriff auf Google Play nicht möglich
- Betagte Hardware, was sich auch bemerkbar macht
- In Deutschland noch nicht regulär erhältlich