Keine andere technische Erfindung hat die Art, wie kommuniziert wird, in den 20 Jahren derart schnell und nachhaltig verändert wie das Handy. Waren es vor zehn Jahren noch Knochen von Nokia mit Monochromdisplay und echten Tasten, sind Smartphones mit Touchscreen mittlerweile zum Standard geworden. Diese Mobiltelefone haben nicht nur die Lese-, Schreib- und Kommunikationsgewohnheiten neu definiert – vielmehr können sie Mittel zur Demokratisierung sein. Oder als Propagandainstrument missbraucht werden.
Smartphone-Apps, zumeist nützliche Begleiter, oft auch spaßiger Zeitvertreib – wie aber können Apps politisch genutzt werden? Wie in Notlagen? Einige Apps der letzten Monate und Jahre waren prägend für die Art und Weise, wie Konflikte erlebt, ihnen begegnet und getrotzt werden kann. Es gibt großartige Möglichkeiten, Apps einzusetzen, um die eigene Bevölkerung zu warnen, der Welt Gräueltaten vor Augen zu führen oder dem Versuch, Kommunikation zu unterbinden, zu trotzen. Nur drei Beispiele, wie wunderbar und fürchterlich Apps zugleich sein können.
Angst: Die Raketen-App
Illustration des Abfangsystems “Iron Dome”. (Bild: Mirror.co.uk)
Seit 1947 existiert der Staat Israel. Einst britische Enklave der Palästinenser, wurde der schmale Streifen am Mittelmeer, selbst kaum größer als Hessen, zum lang gehegten Traum eines Staates der Juden. Insbesondere in Jerusalem aber treffen drei große Weltreligionen aufeinander: Juden- sowie der Christentum und der Islam. Alle drei abrahamitischen Religionen besitzen in Jerusalem Stätten, die ihren Anhängern heilig sind. Und dementsprechend angespannt ist die Sicherheitslage – irgendwo ist immer ein Fanatiker, der anderen gefährlich werden kann. Besonders die Situation der Palästinenser nutzen israelische Hardliner/Militärs aus, um ihre Interessen durchzusetzen. Und leider bedeuten die nicht, Frieden mit den muslimischen Nachbarn zu schließen oder diesen wenigstens zu suchen.
Es ist erst einige Monate her, dass das israelische Militär den Gaza-Streifen bombardierte. Die Bilder waren schrecklich – Babys und Kinder, die zerfetzt am Strand lagen. Ganze Straßenzüge, die in Schutt und Asche gelegt wurden. Und das feige Vorgehen der palästinensischen Hardliner, Schulen als Schutzschilde zu missbrauchen. Während der Gaza-Streifen von jeglicher Versorgung abgekapselt wurde, konnte das öffentliche Leben in Israel recht normal weiterlaufen. “Recht normal” aus dem Grunde, da das Land unzählige Luftschutzräume besitzt, in die sich Bürger bei Alarm zu flüchten haben. Bei der Zahl möglicher Raketenangriffe notwendig, natürlich. Und trotz Iron Dome, jenes Schutzschirms gegen Raketen (mit 90% Abfangquote), wird den Bürgern vorsorglich ein Alarm ausgegeben.
Sinnvoll? Ja, aber eben auch ein Mittel, um Macht zu missbrauchen – die App Red Alert: Israel. (Bild: Google Play Store)
Längst wird das Signal nicht mehr nur über Sirenen ausgegeben, sondern auch via App verbreitet. Die Anwendung heißt Red Alert: Israel und ist für Android wie iOS zu haben. Über Ortung mittels WLAN und GPS wird die Position des Nutzers analysiert. Ist dieser im ermittelten Radius eines drohenden Raketeneinschlags, vibriert und schrillt das Handy. Sinnvoll? Schon. Es hat sicherlich auch Menschenleben gerettet. Aber: Was, wenn Militärs diese App nicht nur als Warnmöglichkeit nutzen, sondern gezielt über Fehlalarme die eigene Bevölkerung ständig in Panik versetzen? Eine solche Möglichkeit wäre kaum auszudenken. Dies ist aber auch nicht auszuschließen, weshalb die Bevölkerung verängstigt und eingeschüchtert werden kann. Angst ruft Hass hervor und mündet in Gewalt – und so dreht sich die Spirale immer weiter.
Selbige Funktion besitzt übrigens auch die App Yo!, die zunächst wie purer Spaß klang: Man kann lediglich das Wort “Yo” versenden. Mehr nicht. Das reicht aber ebenfalls, um Menschen zu retten. Denn: Kürzer und prägnanter vor Raketenangriffen zu warnen, ist fast unmöglich. Und glücklicherweise kann diese Anwendung nicht einfach von israelischen Militärs unterwandert werden.
Hoffnung: Der arabische Frühling
Twitter wurde zum mächtigen Instrument der Demonstranten des “Arabischen Frühlings”. (Bild: Static)
Eine Wortschöpfung ist der “arabische Frühling” zweifelsohne. Und zwar eine westliche Erfindung. In diesem Begriff verbanden sich Zuversicht und Hoffnungen, dass sich die nordafrikanischen und regional islamistisch geprägten Länder ihrer Despoten entledigen. Die zarte Pflanze der Demokratie sollte Wurzeln schlagen und die Bevölkerung somit aus kollektiver Armut befreien. Ein Trugschluss, wie sich nach drei Jahren “arabischen Frühlings” feststellen lässt. In Ägypten herrschen die Militärs nach General Mubarak, in Libyen morden rivalisierende Banden und in Syrien bereitete die Unentschlossenheit des UNO-Sicherheitsrates den Boden für die Truppen des ISIS, die nun omnipräsent in Medien scheinen.
Doch die Zeit von 2011 und folgenden Jahren zeigte erstmals, wozu soziale Medien imstande sind. Insbesondere Twitter wurde ein Phänomen und wird für lange Zeit mit den Aufständen in Tunesien, Libyen und Ägypten assoziiert werden. Mit der Macht der Bilder wurde die Weltöffentlichkeit quasi in Echtzeit informiert und aus allen Teilen des Landes mit visuellen Eindrücken versorgt. Das steigerte die öffentlich bekundete Solidarität – verunsicherte militärisch potente Mächte aber auch im selben Maße. Grauenvoll und menschenunwürdig waren die Videoclips, die von Muammar al-Gaddafis vermeintlich letzten Sekunden zu sehen waren. Viele kennen diese – und die Medien bedienten die Sensationslust.
Ekelhaft oder gerecht? Gaddafis letzte Minuten und Sekunden wurden rasend schnell im Netz verbreitet. (Bild: Twitter/Reuters)
Auch sein Leichnam, öffentlich zur Schau gestellt in einem gekühlten Container, wurde via Twitter verbreitet und fand dort ein großes Publikum. So sehr Twitter also vom Leid der libyschen Bevölkerung berichtete, so sehr pervertierte es den (gerechten) Triumph über den Despoten zu einem Schmierenstück auf Kirmesniveau. Wie Libyen mit dieser jüngsten Geschichte umgeht, wird sich wohl erst in vielen, vielen Jahren zeigen – wenn sich die Lage stabilisiert hat. Und Twitter wird bis dahin weiter Begleiter des alltäglichen und wenig alltäglichen Lebens sein. Und davon berichten.
Doch nur allzu oft lässt sich auch von Bildern täuschen. Da Twitter eben eine solche hohe Reichweite hat, wird auch viel Schindluder betrieben. Fotos vermeintlicher Folterungen, Massenerschießungen oder vergleichbarer Gräueltaten werden, ohne sie zu hinterfragen, tausendfach geteilt. Und viel zu oft waren dies plumpe Fälschungen, Montagen oder Bilder, die nicht zeigten, was sie vorgaben – sondern eine vollkommen andere historische Situation, aus dem Kontext gerissen und zur Emotionalisierung des Betrachters eingesetzt. Eine Lüge also, weshalb der Rat nur sein kann, das Gezeigte stets zu hinterfragen.
Trotz: Die rote Eimerkette
Ein friedliches Lichtermeer aus Smartphones: Hong Kong ist eines der Positivbeispiele, wie Apps Proteste unterstützen. (Bild: Twitter)
Als der türkische Premierminister und heutige Präsident Erdogan die Proteste im Gezi-Park unterbinden wollte, setzte er alle Hebel in Bewegung, das Internet zu begrenzen – und insbesondere Twitter lahmzulegen. Zu unheimlich muss ihm die Macht des sozialen Zwitschernetzwerkes gewesen sein, zu unvorhersehbar die Konsequenzen für seine politischen Ambitionen. Mag die türkische Justiz dem Premier widersprochen haben, gab es seitdem die Angst, was während politischer Proteste geschieht, sollten die Funknetze abgestellt werden. Antwort: nichts.
Zumindest, wenn sich Demonstranten so gut vorbereiten und vernetzen, wie dies die Regenschirm-Revolutionäre in Hong Kong vormachen. Seit Wochen schon kämpfen viele Bürger der einstigen britischen Metropole gegen die Einflussnahme Pekings, nur bestimmte Kandidaten zur Wahl 2017 zuzulassen. Der amtierende Regierungschef hat mit seiner herablassenden Art – befeuert durch die naiven Kommentare seiner Tochter – den Demonstranten unzählige Sympathisanten zugeschoben. Trotz der Masse bestand und besteht immer die Gefahr polizeilicher Übergriffe, der Gewalt durch bezahlte Schläger oder eben die Abschaltung der Funknetze. Um ohne Funkmasten miteinander kommunizieren zu können, installierten sich viele die App FireChat. Ein Instant Messenger mit den gewohnten Funktionen – neu ist jedoch, dass FireChat auch nur über Bluetooth funktioniert. Selbst wenn das Handynetz ausfällt, können sich die Demonstranten im Radius ihrer BT-Verbindung unterhalten und dringende Infos wie in einer Eimerkette kreuz und quer durch die Stadt senden. Die Idee ist einfach und genial – und eine kommunikative Bastion, gegen die die wenigsten Machthaber ankommen dürften. Diese können aber jede Nachricht mitlesen – FireChat verschlüsselt nicht. Eine Gefahr zweifelsohne – aber Revolutionen ohne Wagnis und Risiko kennt die Geschichte nicht. Und es bleibt zu wünschen, dass der hunderttausendfache Protest Gehör findet.