Das Urteil ist gefallen, Samsung wurde schuldig gesprochen, bei Apple abgekupfert zu haben. Wen juckt’s?
Es ging durch alle Medien: Samsung hat in den Augen der Geschworenenjury bei der Entwicklung seiner Geräte bei Apple abgeschaut. Das Urteil hat Konsequenzen: Samsung muss Apple einen Schadensersatz in Höhe von über einer Milliarde US-Dollar zahlen. In einem Folgeverfahren wird sich Apple zudem um ein Verkaufsverbot für aktuelle Samsung-Modelle wie das Galaxy Nexus oder die Galaxy Tab-Serie bemühen.
Hätte Samsung mit seinen Produkten keinen Erfolg gehabt, wären die auch schnell wieder vom Markt verschwunden. Doch das Gegenteil ist der Fall, Samsung hat sich mit der Galaxy S-Serie zum Android-Platzhirsch aufgeschwungen. Kein Hersteller verkauft mehr als Samsung, keine Geräte werden von ähnlichen Hypes begleitet wie die von Samsung. Beispiele? Das Samsung Galaxy S III oder das Galaxy Note 2, das in den kommenden Tagen auf den Markt kommt.
Es stellt sich nun die Frage, welchen Einfluss das Urteil auf die Zukunft Samsungs und auf die Android-Geräte der Südkoreaner haben wird. Wird Samsung künftig als Nachmacher vom Dienst wahrgenommen? Verlieren die Samsung-Smartphones nun an Attraktivität? Ist der Kursrutsch, der die Samsung-Aktie nach dem Urteil kurz in den Keller riss, von Dauer?
Nein, nichts davon ist wahrscheinlich. Hier die Gründe:
1. Samsung ist etabliert
Kein anderer Hersteller ist im Android-Segment so erfolgreich wie Samsung. Die Geräte der Südkoreaner verkaufen sich millionenfach, angeführt vom derzeitigen Flaggschiff Galaxy S III, das bereits weit über zehn Millionen Mal an den Mann gebracht werden konnte. Der Hype vor dem Galaxy S III-Launch war der größte, der jemals vor der Präsentation eines Android-Smartphones zu beobachten war. Genosse Trend spielt Samsung weiterhin in die Hände – zumal das Galaxy S III nicht einmal Gegenstand des Verfahrens war.
2. Samsung hat eine große Community
Mit dem Erfolg geht eine breite Fanbasis mit einer enormen Infrastruktur einher, in der sich die Nutzer mit Custom-Roms, Anregungen, Tipps oder Tutorials versorgen. Dieses von der freien Community angehäufte Wissen verschwindet nicht einfach. Wer sich Nächte lang mit den Eigenheiten von Samsung-Geräten beschäftigt hat, sattelt nicht einfach um.
3. Künftige Hardware wird weniger angreifbar sein
Natürlich hat Samsung bei Apple abgeschaut – aus reinem Geschäftskalkül: Die Leute fliegen auf das iPhone, also gib ihnen eine attraktive Alternative, die ähnlich aussieht und Vergleichbares kann und gewöhne sie dann langsam an Produkte, die mehr Eigenheiten haben. Das Design des Samsung Galaxy S III ist ein erster Schritt in diese Richtung gewesen. Ein anderes Beispiel ist die Galaxy Tab-Serie. In Deutschland war Samsung bereits gezwungen, das Chassis anzupassen und die Lautsprecher auf der Frontseite zu platzieren. Hier hat Apple keine Ansatzpunkte zum Klagen mehr.
Gleiches gilt für die eingeklagten Patente: Natürlich müssen andersartige Workarounds gefunden werden. Sind die jedoch entwickelt, hätte Apple nicht einmal mehr die Möglichkeit, Lizenzierungen anzubieten, sondern muss sich mit einem gleichwertigen, auf dem Markt etablierten Konkurrenten herumschlagen, dem juristisch nicht beizukommen ist, und unter Umständen selbst technische Innovationen präsentiert, die Apple nachahmen müsste. Auch hier gibt es bereits ein Beispiel: Google Maps, das künftig nicht mehr aus Apple-Geräte zu finden sein wird, weil Apple selber eine Alternative anbieten will.
4. Ein eventuelles Verkaufsverbot betrifft nur Hardware von gestern
Schnellstmöglich wollen sich die Apple-Anwälte nun um ein Verkaufsverbot für die Hardware bemühen, die Gegenstand des Verfahrens war. Samsung verkauft 152 verschiedene Modelle in den USA, was macht es aus, wenn davon rund 20 Modelle verboten werden? Modelle wohlgemerkt, die bereits Milliardengewinne abgeworfen haben, weil sie aus dem letzten Jahr stammen? Das Galaxy S II, das Galaxy Tab 10.1, Galaxy Nexus oder das Galaxy Ace? Sie alle haben ihren Dienst getan oder haben bereits Nachfolger.
Betroffen wären nicht: das Samsung Galaxy S III oder das Galaxy Note. Auch das neue Galaxy Note 2 wird nicht Teil des Verbots sein- eben jene Megaseller also, die Samsung in den letzten Monaten Butter und Brot finanziert haben oder das in den kommenden Monaten tun werden.
5. Keine Konkurrenz in Sicht
Es gibt Analysten, die davon ausgehen, dass Android bis zum Jahresende bis zu 70 Prozent Marktanteil auf sich vereinen könnte. Auch wenn es nicht soviel werden sollte, gibt es schon jetzt kein mobiles Betriebssystem, das erfolgreicher ist als Android. Und je weiter Google das Contentangebot im Google Play Store ausbaut, desto mehr werden die Nutzer an Android gebunden. Zudem arbeitet Google ja emsig am Launch von Guthabenkarten, die den Kauf von Inhalten über den Google Play Store weiter vereinfachen.
Wer kein Apple-Produkt will, landet also zwangsläufig bei Android. Nur: Welchen Hersteller soll er wählen? Samsungs Momentum dauert hier unbestreitbar noch an. Wenn viele Freunde ein Samsung-Phone haben, wird man tendenziell ebenfalls zu einem Samsung-Produkt greifen. Und da nach dem Urteil niemand sein teures Gerät einfach wegwerfen wird, gilt dieser Punkt auch noch in einigen Monaten, wenn schon wieder Gras über die Sache gewachsen ist und womöglich die ersten Gerüchte um ein Samsung Galaxy S IV aufkommen.
Denn welcher Konkurrent könnte Samsung seinen Status streitig machen? HTC muss gerade darum kämpfen, nicht mit fliegenden Fahnen unterzugehen. LG liefert gute Geräte und ist in Asien sehr erfolgreich, nicht jedoch weltweit. Zudem ist LG wegen seiner schlechten Update-Politik bei den Usern verschrien. Sony ist beim Ausbau seines Angebots auf einem guten Weg, aber noch weit hinter Samsung. Motorola? Kaum.
Wie seht Ihr das? Wird das Urteil Samsung oder Android nachhaltig schaden?