Telegram-Kritik: In den „Dschihad“ per Smartphone-Chat?

Das, was Extremisten gerne als Dschihad abfeiern, das ist eine plumpe Propaganda, um zumeist junge Leute für einen Krieg zu gewinnen, der weder der ihrige ist, noch im Zeichen einer Religion geführt. Das ist Terror.

So klar und deutlich wollen wir es voranstellen, ehe wir zum eigentlichen Thema des Artikels kommen. Dieser dreht sich um die Messenger-App Telegram, die sich seit einiger Zeit in der Kritik befindet. Kritisiert wird von der Bundeszentrale für politische Bildung und jugendschutz.net, dass Telegram auch für „dschihadistische“ Propaganda genutzt wird – und der Betreiber dagegen nichts unternimmt. Die Verbreitung solcher Propaganda wird von großen Netzwerken wie FacebookTwitterYouTube und Google+ zumindest angehört und untersucht, Telegram (100 Millionen Nutzer weltweit) hingegen stellt sich stur und taub.

Das sagen jugendschutz.net und die BPB gemeinsam in einer öffentlichen Aussendung, die ihr hier herunterladen könnt. Telegram sei ein „zentrales Propaganda-Tool für Dschihadisten“, an die 130 deutschsprachigen, geheimen Kanäle/Chats werden aktuell (Stand: November 2016) geführt, über die junge Menschen zum Terroreinsatz in der Fremde animiert werden sollen.

Auffällig“, schreibt jugendschutz.net, „Kanäle mit den drastischsten Inhalten wie Hinrichtungsvideos der Terrororganisation „Islamischer Staat“, Aufrufen zum bewaffneten Kampf und Werbung für Terrorgruppen enthalten die meisten Beiträge, teilweise täglich mehr als 200.

Schleichende Radikalisierung

Die Radikalisierung erfolgt schleichend. Fitness-Tipps, poppig aufgemachte Videos, Texte in Jugendsprache: Zunächst werden Neueinsteigern bekannte Versatzstücke der eigenen Umwelt vorgegaukelt, ehe der Ton und die damit transportiere Botschaft rauer und menschenverachtender wird. Ein Beispiel daraus:

Wer einem islamistischen Kanal auf Telegram beitritt, der harmlos scheint, wird über Beiträge von Dritten stufenweise an die menschenverachtende Ideologie und immer extremistischeres Gedankengut herangeführt. Über zugehörige Verlinkungen geraten Jugendliche schnell auf Angebote aus dem militant-dschihadistischen Spektrum. So binden beispielsweise Kanäle mit Anleitungen zu „islamisch“-konformen Fitness-Übungen oder zu Rezepten für afghanische Speisen radikalere Beiträge von Dritten ein, in denen für die Einführung der Scharia (islamische Rechtsprechung) geworben und gegen westliche Gesellschaften gehetzt wird. Die zugehörigen Kanäle wiederum enthalten Beiträge von Kanälen, die zum bewaffneten Kampf aufrufen und für Terror-Organisationen wie Al Qaida oder den „Islamischen Staat“ werben.

Sodann wird Krieg als Live-Event beworben, als spaßiges Happening, das sich zudem gegen den – aus Perspektive der Extremisten – feindlichen Westen richtet. Der IS, seit Monaten auf dem Rückzug? Intakt. Die Zwangsheiraten im IS? Wahre Liebe. Der Kampf? Glorreich, martialisch, kameradschaftlich, heldenhaft – eine direkte Ansprache an Jugendliche und junge Männer. Und eigentlich nur plumpe, aber kostengünstige Propaganda.

Wie andere Portale auch, unterliegt Telegram dem Jugendmedienschutzgesetz, da der Service auch in Deutschland angeboten wird. Auf 51 Telegram-Kanälen dokumentierten die Jugendschützer Verstöße gegen besagtes Gesetz, „teilweise waren über die Hälfte der Beiträge unzulässig“. Von den gemeldeten Kanälen wurden 6 gelöscht: 5 nach Flagging über einen internen Melde-Button, einer nach der Kontaktaufnahme über eine anonyme Support-Adresse. Die Kanäle tauchten aber häufig bereits einen Tag später unter leicht anderem Namen wieder auf, teils geführt von in Deutschland verbotenen Organisationen wie Millatu Ibrahim und DawaFFM. Einige der dokumentierten Fälle gaben die Jugendschützer gar an die Polizei weiter, da offen zu Mord aufgerufen wurde – inkl. der Adressen potentieller Opfer.

Telegram: Nicht zu fassen, womöglich nicht interessiert

Pikant: Wie unsere Kollegen von heise.de hervorheben, gehört Telegram nicht etwa einem westlichen Besitzer, sondern dem Russen Pawel Durow, der den Facebook-Konkurrenten VK.com gründete und „später unter Druck der Behörden verkauft hatte.“ (Zitat heise.de) Aus diesen Erfahrungen gelernt, verzichtet Telegram auf eine zentrale Struktur. Dezentrale Einheiten, konsequente End-to-End-Verschlüsselung (die aber noch aktiviert werden muss für geheime Chats) und „unkonventionelle rechtliche und organisatorische Struktur“ zeichnen Telegram aus und sind deshalb großartig, um in repressiven Regimen seine Meinung äußern zu können. Dass gleichzeitig auch noch Propaganda damit betrieben wird, ist jedoch die sehr dunkle und finstere Seite der Medaille.

Hier noch das jugendschutz.net-Dokument

(Quelle: jugendschutz.net)